Dialog: Über Zwänge

SOPHIE: Da ist noch etwas, das du über mich wissen solltest: Manchmal kokettiere ich mit meiner Zwanghaftigkeit, aber eigentlich ist das eine beschissene Krankheit, die mir in entscheidenden Phasen immer wieder sehr enge Grenzen gesetzt hat.

EDDA: Wie muss ich mir das vorstellen? Ich habe als Hebamme schon Frauen mit Zwängen betreut, dabei aber festgestellt, dass das Spektrum irre groß ist. Zwanghaftigkeit ist ja so eine Art Ventil, wo man innere Spannungen abbaut, indem man XYZ macht. Also irgendwie die Welt im Gleichgewicht hält, indem man sich ein sehr enges Gerüst baut.

SOPHIE: Der letzte Satz trifft es total gut. Ich habe in den vergangenen Jahren viel darüber gelesen, was es mit meiner Zwangsstörung auf sich hat. Da geht es zum Beispiel um strukturelle Besonderheiten im Gehirn: Bestimmte Regelkreise sind überaktiviert. Bei mir fing die Zwanghaftigkeit schon an, als ich ein Kind war. Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, dass ich beim Lesen immer wieder die Seiten vor- und zurückblättern und die Seitenzahlen checken musste, weil ich Sorge hatte, ich könnte eine Seite überblättert haben. Total nervig war das. Dann hatte ich als junge Erwachsene wirklich herausfordernde Phasen mit Wasch- und Kontrollzwängen. Da war ich schon mit meinem jetzigen Mann zusammen, der alles mitgetragen hat. Wenn wir spazieren gegangen sind und auf der Straße ein benutztes Taschentuch gelegen hat, hatte ich die Vorstellung, ich könnte es – von mir unbemerkt und gegen meinen Willen – berührt haben. Dann musste er mir versichern, dass das nicht der Fall gewesen ist. Einmal lag da eine tote Ratte und ich habe wieder meine Frage gestellt: Habe ich die berührt? Und da hat er gesagt: Ja, du hast sie mit der Regenschirmspitze hin- und hergeschoben. Hast du das nicht gemerkt? Eigentlich war das ein bisschen gemein von ihm, aber es hat mir dennoch geholfen.

Der springende Punkt ist, dass man selbst ja weiß, dass das alles total irrsinnig ist. Also: ich habe natürlich nicht wirklich gedacht, dass ich gegen meinen Willen und ohne es zu merken ein benutztes Taschentuch oder eine (höchstwahrscheinlich tollwütige!!!) tote Ratte berühre – aber das Gefühl des Unbehagens ist so stark, der Zwang so mächtig, dass man einfach nicht dagegen ankommt.

EDDA: Ich möchte das nicht kleinreden, aber ich würde so ein Verhalten nie als irrsinnig bezeichnen. Letztendlich kommt ja sowas daher, dass man Ventile sucht für Zeug. Und dieses Ventil braucht man dann eben, egal, ob man eigentlich weiß, dass man die Ratte auf dem Gehweg nicht angefasst hat. Es geht ja um das zugrundeliegende Bedürfnis, das sich eine Bahn sucht. Bei Kindern findet man es niedlich, wenn die immer Rituale brauchen, um sich in der Welt zurechtzufinden. Wenn große Menschen dann ausflippen, weil man zufällig auf die Ritze zwischen den Betonplatten getreten ist, weil der Apfel horizontal und nicht vertikal geschnitten wurde oder weil die Socken den Knöchel berühren und das nicht sollen, dann finden das alle seltsam und unverständlich. Dabei ist das Bedürfnis dahinter immer gleich. Es geht immer um Ordnung in einer Welt, um Struktur. Wie geht das weiter? Verwächst sich sowas? Kommt das in Wellen? Braucht man manchmal medikamentöse Unterstützung? Ist das genetisch veranlagt und Du schaust Dir jetzt Deine Töchter an und machst Dir Sorgen?

SOPHIE: Vor einigen Jahren ist mir ein Buch in die Hände gefallen, das mir sehr geholfen hat, übrigens von einem Schweizer Psychoanalytiker. Unter anderem hat er beschrieben, dass es bei einer Zwangsstörung zu einer sogenannten thought-action-fusion kommt oder kommen kann: man denkt etwas und hat Schwierigkeiten zu unterscheiden, ob man es nur gedacht hat oder ob es tatsächlich passiert ist. Oder man meint auch nur, Schwierigkeiten damit zu haben. Ich fand das alles sehr erhellend, überhaupt das Gefühl zu haben, dass es nicht nur mir so geht, sondern dass es eine Störung ist, die auch andere haben. Ich fühle mich nicht mehr allein damit und das tut mir gut. Seit einigen Jahren geht es mir auch sehr viel besser mit den Zwängen. Ich glaube, das hat unter anderem damit zu tun, dass ich mich belesen und damit auseinandergesetzt habe.

Jetzt fühle ich mich ein bisschen wie es vielleicht Suchtkranken geht: Der Zwang ist nahe und ich darf nicht „rückfällig“ werden, also möglichst keine dieser zwanghaften Verhaltensweisen wieder aufnehmen. Sobald man das tut, kann es ganz schnell von Neuem losgehen.

Stressige Zeiten haben das Zeug dazu, den Zwang zu verschlimmern, auch positiver Stress. Und man weiß es zum Beispiel auch von Schwangerschaften. Bei mir war es so. Neulich habe ich mal einer neueren Freundin, die Psychologin ist, erzählt, dass ich eine Zwangsstörung habe und dass sie in den Schwangerschaften immer besonders zu Tage getreten ist. Und sie sagte dann mit echter Bewunderung und ganz zugewandt: Ach, und dann hast du sogar drei Kinder bekommen! Das hat sich total gut angefühlt. Sie hat erkannt, dass es nicht so leicht für mich war. Ich musste gar nicht viele Worte darüber verlieren. Ich hätte gern noch mehr Kinder gehabt – aber ich habe mich einfach nicht mehr getraut. Die Angst vor den Zwängen und den damit verbundenen Angstgefühlen war unerträglich groß.

Bei meinen beiden großen Töchtern sehe ich zwanghafte Verhaltensweisen. Wir reden ganz offen darüber und ich hoffe, sie fühlen sich geborgen. Eigentlich würde ich gern auch anderen helfen, die eine Zwangsstörung haben, vor allem Kindern und Jugendlichen, die noch nicht wissen, dass das kein Einzelschicksal ist und sie nicht einfach „irgendwie verrückt“ sind. Die Tochter eines Kollegen hat eine Zwangserkrankung – und wenn er mir von ihr erzählt, geht mir das jedes Mal wahnsinnig nahe.

EDDA: Könntest du dir vorstellen, darüber ein Buch zu schreiben? Und zwar kein Sachbuch mit Fakten, sondern vielleicht Gesprächsanlässe, Gedankenanstöße. Für Kinder oder Jugendliche mit Zwangsstörungen oder auch einfach für Familien, bei denen ein Familienmitglied betroffen ist.

SOPHIE: Oha, Edda! Das ist ein interessanter Gedanke. Den muss ich erst mal auf mich wirken lassen. Darauf bin ich selbst tatsächlich noch nie gekommen, vielleicht, weil ich meine, zu wenig Expertise zu haben. Aber es ist eine Idee, von der ich mir vorstellen könnte, sie weiter zu verfolgen. Machen wir das zusammen? Die Idee verfolgen? 

Seit einigen Jahren schreibe ich neben meinem übrigen Leben an einer Fantasy-Geschichte, in der die Hauptfigur ebenso zwanghaft ist wie ich. Grundsätzlich möchte ich also mit dem Thema in die Welt.

EDDA: Ich kann mir vorstellen, dass das ein wichtiges Thema ist. Ich kenne keine Statistiken, aber ich kann mir gut vorstellen, dass Zwang und Zwanghaftigkeit weiter verbreitet ist, als wir uns das vorstellen. Ich mag den Gedanken, dass wir uns was überlegen. Schon allein deswegen, weil ich Dir gerne schreibe und manchmal überlege, was passiert, wenn wir uns nicht mehr schriftlich begegnen.

SOPHIE: Ich schreibe dir auch total gern, Edda im fernen Australien.

Man nimmt übrigens an, dass zwei bis drei Prozent der Menschen an einer Zwangsstörung leiden. Das ist natürlich nur ein kleiner Anteil im Vergleich zu Depressionen, aber: Wir brauchen auch eine Lobby! Ich würde gern mit dir zusammen ein Mutmach-Buch schreiben.

3 Kommentare zu „Dialog: Über Zwänge“

  1. Liebe Sophie, liebe Edda! Mit Freude lese ich die Beiträge in eurem Blog. Sie sind gut geschrieben, authentisch und unterhaltsam. Ich bin gespannt was noch berichtet wird. Die Geschichte mit dem Sparfuchs kann ich gut nachvollziehen. Ich wünsche, dass niemand vom Wagen fällt und dass ihr neben Beruf und Familie weiter die Zeit findet , das eine oder andere Thema mit Lust am Schreiben in den Blog zu stellen. Es grüßt ein Freund der guten Geschichten.
    Rainer aus Lichterfelde

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