Dialog: Von Sehnsuchtsorten und Zuhause

EDDA: Bist Du eigentlich Berlinerin? Wohnst Du schon immer da?

Wenn ich an Berlin denke, bin ich gedanklich gerade irgendwo zwischen Corona-Sperrzone und nie endenden Partys. Wie ist das Leben denn da so?

SOPHIE: Ja, ich bin Berlinerin. Gedanklich füge ich meist noch ein „West“ dazu. Eigentlich sollte das nach all den Jahren, die es „West“ und „Ost“ schon nicht mehr gibt, keine Rolle mehr spielen. Aber ich denke: Natürlich ist es für mich von Bedeutung, unter welchen Umständen ich aufgewachsen bin. Das hat mich geprägt: Berlin-Zehlendorf, Amerikanischer Sektor, Deutsch-Amerikanisches Volksfest und Feuerwerk am 4. Juli.

Die Stadt ist toll, vielseitig und spannend, urban und dennoch in manchen Gegenden ländlich. Eine pulsierende Metropole, aber wenn du in einem der Außenbezirke bist, ist alles total grün. Ach, was sage ich, die ganze Stadt ist irgendwie grün. Wenn ich in anderen Städten bin, denke ich oft: Was ist hier eigentlich los? Irgendetwas stimmt nicht. Und dann fällt mir auf: Ach so, es gibt hier gar keine Bäume. In Berlin sind sie überall.

EDDA: Ich finde immer, dass echte Berliner schon fast Märchengestalten sind. Erstens, weil ich ganz selten welche treffe und zweitens, weil es unglaublich sein muss, wenn man die Entwicklung dieser Stadt über einen so langen Zeitraum miterleben konnte. Außer Dir kenne ich bisher nur zwei Berliner seit Geburt: einer kommt aus Pankow und einer aus Treptow (Müggelsee). Wie ist das, wenn man in so einer Großstadt aufwächst? Ist das bei Berlinern so, dass man entweder nie wegzieht oder vielleicht kurzzeitig und dann wiederkommt? Es gibt ja so Lebensräume, die einen dermaßen prägen, dass man davon nie wegkommt. Ich bin in der Schweiz beruflich viel gereist und habe oft von den Menschen in den Bergregionen gehört, dass sie von ihren Bergen reden wie von Nachbarn, weil sie die schon ein ganzes Leben lang kennen. Und die Menschen hier an den Northern Beaches in Australien erzählen vom Meer wie von einem Familienmitglied. Wahrscheinlich wird man amputiert, wenn man an solchen Orten lebt und dann wegzieht. Und kommt dann entweder wieder oder geht einfach gar nicht erst.

SOPHIE: Ja, wahrscheinlich komme ich aus Berlin nicht weg oder zumindest immer wieder hierher zurück… Ich habe noch nie darüber nachgedacht, umso interessanter ist es, dass du mich jetzt darauf ansprichst.

Ich habe Sehnsuchtsorte, an die ich immer wieder reise. Orte, an denen ich mich heil fühle und mit allem und jedem Frieden schließe. Sogar mit mir selbst. Und wenn ich dann nach Berlin zurückkomme und mit Mann und Kindern und tausend anderen Berlinern über die Stadtautobahn fahre, denke ich: Was um alles in der Welt will ich eigentlich in diesem Moloch?! Aber es ist vielleicht wie in einer guten alten Ehe: Manches nervt, aber am Ende des Tages liebt man sich eben doch innig und verzeiht jeden Mist. So geht es mir mit Berlin.

EDDA: Beim Wort „Sehnsuchtsort“ habe ich gelacht – ein so schönes Wort und ich habe es noch nie benutzt und kann mir auch nichts drunter vorstellen, obwohl ich es schon öfter gehört habe. Was ist denn ein Sehnsuchtsort?

SOPHIE: Meine Eltern sind mit uns Kindern immer oder zumindest fast immer nach Bornholm gefahren, eine dänische Insel, umgeben von der Ostsee. Ich glaube, es ist wie bei einem Gänseküken: Wen auch immer es zuerst sieht, erkennt es als seine Mama an. Meine Eltern haben mich auf Bornholm quasi als Gänseküken abgesetzt und erklärt: So, dieser Ort ist der Inbegriff von URLAUB. Hier haben wir alle Zeit der Welt füreinander, hier fällt alles von uns ab. Präge dir das gut ein: den würzigen Duft der Kiefern und den salzigen Geruch der See, den Geschmack von frischfrittierten Fischbouletten und die unwiderstehliche Süße von reifen Himbeeren, das Geräusch vom knirschenden Sand unter deinen Füßen und das leise Trommeln, das der Regen auf dem Zeltdach verursacht. Fühle, wie dir der Fahrtwind auf dem Fahrrad das Gesicht streichelt, sieh die goldenen Felder leuchten, die Möwen im Wind tanzen, das Meer tosen. Wenn dir irgendwann einmal im Leben die Gesamtheit der Eindrücke begegnet oder auch nur einer davon, dann wirst du von einem tiefen inneren Frieden erfüllt sein. Und nun ab in den Schlafsack, wir wollen noch eine Runde Boule am Strand spielen.

So ist für mich der Sehnsuchtsort Bornholm entstanden. Wenn wir von der Fähre runterfahren, fühle ich mich gut (vielleicht auch nur, weil die Fährfahrt endlich ein Ende hat). Wenn wir auf dem Weg zum Ferienhaus erste Einkäufe machen, bin ich bereits tiefenentspannt, bei der Ankunft im Häuschen bin ich mit der Welt und mir versöhnt.

EDDA: Du hattest mich total mit allem… bis zur Erwähnung des Wortes „Zeltdach“. Ich habe noch nie gezeltet und wenn ich ehrlich bin, dann kann ich mir wenig Gruseligeres vorstellen. Aber alles andere hat in meinem Herzen ganz viel berührt. Als ich Kind war, sind wir einmal im Jahr über Pfingsten mit vielen anderen Familien weggefahren (denn als Einzelkind fährt man entweder mit anderen Familien weg oder irgendwohin, wo Kinder „auch Spaß haben“). Und zwar an den Gederner See. Ein See, der weder besonders groß ist noch besonders schön, in einer Landschaft, die überhaupt nicht aufsehenerregend ist. Und da haben wir alle in ganz einfachen Ferienhäuschen gewohnt – so wie Jugendherbergen nur eben jede Familie für sich. Und wir Kinder sind aus den Autos rausgefallen, haben Gummistiefel angezogen und sind im Wald verschwunden. Und dann praktisch erst rausgekommen, wenn einer im Bach gelandet und klatschnass war, wir Hunger hatten oder es zu dunkel zum Spielen war. Dann gab es immer ein Lagerfeuer, Stockbrot, Musik. Ich habe an sehr vielen Orten Urlaub gemacht und viel gesehen – aber glücklicher geht fast nicht mehr. Und tatsächlich haben die Eltern auch alle immer Boule zwischen den Häusern gespielt. Also, Du Gänseküken, dann sag mir doch mal, ob Du diese innere Zufriedenheit empfindest, wenn Du zum Beispiel Himbeeren an einem irischen Strand isst. Oder knirscht der dann anders?

SOPHIE: Ich kann total gut verstehen, dass einen beim Wort Zelt nicht zwangsläufig und vorbehaltlos die Reiselust packt! Bei meinen Eltern hatte diese Art von Urlaub damals vor allem finanzielle Gründe. In Skandinavien drei bis vier Wochen zu zelten, ist einfach günstiger als dieselbe Zeitspanne im Ferienhaus zu verbringen. Ich habe das Zelten – trotz aller Entbehrungen, die es mit sich bringt – in guter Erinnerung behalten (vielleicht auch verklärt) und hätte schon Lust, es mal wieder auszuprobieren. Muss ja nicht in Skandinavien sein, denn der Regen auf dem Zeltdach kann auch manchmal nerven.

Und um deine Frage zu beantworten: Den inneren Frieden würde ich auch spüren, wenn ich an einem irischen Strand aufs Meer schaue, ganz bestimmt. Auch in der Bretagne oder in Patagonien. Aber nicht, wenn ich in der Südsee bin, auch wenn es dort bestimmt traumhaft ist. Ich brauche das Rauhe und Urgewaltige des Meeres. Zu hohe Temperaturen verderben den Gesamteindruck.

EDDA: Warst Du schonmal am Pazifik? Ich bin total deiner Meinung, was das Raue und Urgewaltige anbelangt und deswegen kann ich nur den Pazifik empfehlen. Der ist so wild und weit und hat toll viele gefährliche Tiere drin.

Orte, an denen man mit sich selbst Frieden schließt, sind viel wert. Und jetzt erzähl nochmal was von Berlin! So Großstädte haben ja was total Anarchisches und lassen sich sehr viel schwieriger reglementieren als Mittel-Großstädte. Viele Australier – das habe ich mittlerweile gemerkt – würden da super hinpassen. Da sitzt nämlich eben schon auch mal jemand auf einer wegen Corona gesperrten Parkbank. Also: mit dem Po direkt auf dem Band, auf dem steht „Do not cross“. Und neben dem Schild, das vor Ansammlungen warnt, stehen zwanzig Leute und haben ihre Take Away-Kaffeebecher in der Hand. Wie ist das in Berlin?

SOPHIE: In den Berliner Zeitungen sehe ich Fotos, auf denen die Leute in Gruppen in Parks abhängen. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich das nicht. Ich erlebe die Menschen um mich herum eher als diszipliniert, aber vielleicht ist es auch kein Zeichen von Disziplin, sondern von Resignation. Das würde mich nicht wundern. Wenn Leute irgendwo warten, stehen sie versetzt. Ich hätte gern Luftaufnahmen davon.

Neulich haben wir meine beste Freundin in Prenzlauer Berg besucht und waren im Mauerpark spazieren. Auf den ersten Blick habe ich gedacht: Oha! Hier ist es aber wirklich voll! Auf den zweiten Blick habe ich aber doch gemerkt, dass sich die Leute mehr oder weniger an die Regeln halten, also Abstände halten und so.

EDDA: Wohnst Du noch immer in Deinem Kiez?

SOPHIE: Ich wohne nicht mehr da, wo ich aufgewachsen bin, aber immer noch im Berliner Südwesten, in Schöneberg, um genau zu sein. Hier ist es tatsächlich total kiezmäßig und ich liebe das. Es gibt so ein weit verzweigtes Netzwerk von Menschen, die sich kennen, zumindest über ein, zwei Ecken. Es fühlt sich fast an wie auf einem Dorf – und das mitten in der Großstadt. Man kann eine Joggingrunde drehen und dabei hundert liebe Freunde und Bekannte treffen.

EDDA: Beschreib mal Schöneberg. Wer wohnt da so und was gibt es da? Wohnst Du da schon lange? Ich habe mal für ein paar Monate nicht weit von der Kastanienallee gewohnt und dachte damals, dass es in Berlin so besonders ist, dass man um drei Ecken geht und man ganz woanders ist. Andere Leute, andere Läden, anders eben.

SOPHIE: Ich verstehe total, was du meinst! Ich empfinde Berlin auch so. Das ist mir erst neulich im Mauerpark wieder aufgefallen.

Wir wohnen seit mehr als zehn Jahren in Friedenau, dem Stadtteil mit der wahrscheinlich größten Dichte an Literaturnobelpreisträgern. Ich hoffe, das färbt irgendwann auf mich ab. Es gibt viele schöne alte Mietshäuser, die mich an das Wohnhaus erinnern, das es mal von Playmobil gab: mit rosafarbenen Fassaden und weißen Stuckverzierungen. Überall sind Spielplätze und kleine Parks, insgesamt ist es total grün.

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich eine große rote Backsteinkirche, eine Grünanlage mit roten Bänken (gerade aufgestellt, jetzt schon besprüht), einen Basketballplatz und – tada! – eine Dönerbude. Das ist Berlin. Für den Moment kann ich mir nicht vorstellen, von hier wegzuziehen.

Was hat dich eigentlich nach Australien verschlagen hat! Seid ihr dort auf Zeit oder für immer?

EDDA: Wir sind nach Australien gekommen, weil ich wahrscheinlich in einem Holzfass die Niagara-Fälle runterfahren würde, wenn ich nicht alle sechs Monate irgendwas Irres anfange. Wir haben vorher in der Schweiz gewohnt und das sogar ziemlich lange. Mein Mann kommt aus Irland, ich aus der Nähe von Frankfurt und in Zürich haben sich unsere Wege gekreuzt und dann sind wir da hängengeblieben. Ich wollte immer gerne nochmal woanders hin und da wir in ein Land wollten, in dem unsere Kinder unproblematisch ins öffentliche Schulsystem einsteigen können, blieb nur das englischsprachige Ausland. Und dann kam für meinen Mann ein Job in Sydney. Und damit verbunden für mich die Chance, nochmal zu studieren. Das haben wir dann einfach gemacht. Wir haben damals gesagt, dass wir vier Jahre bleiben wollen und dann überlegen, wie es so aussieht. Davon haben wir jetzt schon zwei Jahre fast hinter uns. Halbzeit, also.

SOPHIE: Ich finde, das klingt ziemlich toll! Tief in mir drin steckt auch eine Abenteurerin. Die hat es aber manchmal schwer mit meinen anderen Persönlichkeiten, zum Beispiel mit der hypochondrischen Zwangsneurotikerin. Das heißt: Die Abenteurerin kommt nicht so oft zum Zuge, wie sie gern würde.

EDDA: Dabei lebst Du doch in Berlin!!! Ich dachte, alle Berliner wohnen in besetzten Häusern und machen Musik.

SOPHIE: Dann komm‘ nach Friedenau und ich beweise dir das Gegenteil.

1 Kommentar zu „Dialog: Von Sehnsuchtsorten und Zuhause“

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