Zum ersten Mal: Gegen Corona geimpft werden

oder: Gemeinsamkeiten mit Hugh Jackman

Momentan passiert bei mir pandemiebedingt nicht so viel, was ich als Sechser im Lotto bezeichnen würde. Dabei bin ich mit dieser Bezeichnung gar nicht geizig, ich würde sie zum Beispiel für eine Freundschaft verwenden, die sich unverhofft entwickelt hat, oder sogar für eine besonders schöne Ferienunterkunft (nur reisen wir gerade nicht so viel). Ich halte mich ohnehin für ein Glückskind und führe das unter anderem darauf zurück, dass ich an einem Sonntag geboren wurde. Eine Freundin, deren Eltern aus der Türkei stammen, hat mir allerdings neulich während eines Spaziergangs erzählt, dass dort für Geburten Freitag als Glückstag gilt. Das hat mir kurz zu denken gegeben: Kann das mit dem Glück für Sonntagskinder stimmen, wenn diese Regel nicht überall gilt? Sollte ich all die Jahre auf den falschen Tag gesetzt haben? Dann sprang die Ampel auf „Grün“ und ich habe schnell das Thema gewechselt.

Etwa zwei Wochen zuvor hatte ich ganz unverhofft eine Einladung zur Impfung gegen Covid 19 in der Post – meine sechs Richtigen plus Zusatzzahl! Ich bin Anfang 40 und habe keine Vorerkrankungen (zumindest dachte ich das) und hatte mit einer Impfung frühestens im Spätsommer gerechnet. Und jetzt war das Los dennoch auf mich gefallen? War es das wieder: das unverschämte Glück der Sonntagskinder? Nein, ich wusste es besser. Denn ich hatte auch schon per Post Gutscheine für FFP2-Masken bekommen und den Grund hierfür recherchiert. Die Gutscheine und die Bevorzugung beim Impfen haben mit einer Sache zu tun, die ich mit dem australischen Schauspieler Hugh Jackman gemeinsam habe. Vor ein paar Jahren wurde bei mir nämlich ein Basalzellkarzinom, weißer Hautkrebs, diagnostiziert. Damals war ich ehrlich gesagt ziemlich geschockt. Der Arzt hat mich persönlich angerufen, das war so ein Moment, in dem ich sofort wusste, dass da etwas nicht stimmte. Die Stelle an meiner linken Schläfe musste herausgeschnitten werden, die helle Narbe sieht man noch heute. Sie scheint dafür gesorgt zu haben, dass ich im Berliner Impfplan in Stufe 2 einsortiert wurde: Personen mit Vorerkrankungen mit hohem Risiko.

Ich wurde in derselben Woche geimpft wie Hugh Jackman. Ich habe mir ein Foto von ihm auf Instagram angeschaut, auf dem er für die Impfung wirbt. Mir ist dabei eine weitere Gemeinsamkeit ins Auge gesprungen: Uns beiden wurde die Spritze in den rechten Arm gesetzt. Das bedeutet, dass auch er Linkshänder ist. Vielleicht war auch Hugh ein bisschen aufgeregt (so wie ich), aber wahrscheinlich eher nicht: Wolverine ist sicher kein Weichei, das sich vor einem anaphylaktischen Schock fürchtet (so wie ich).

Meine sechs Richtigen lauten übrigens: 1 – 5 – 11 – 15 – 17 – 49  

Warum? Ganz einfach:

1 – Ein Pikser hat gereicht, um mich der lang vermissten Normalität ein Stück näher zu bringen.

5 – Im Impfzentrum im Berliner Velodrom habe ich mit pochendem Herzen auf insgesamt fünf verschiedenen Stühlen gesessen, allesamt schwarz. Zuerst haben eine Handvoll anderer Impflinge und ich in einer Stuhlreihe mit großen Abständen nebeneinander gewartet, dann wurden wir in Grüppchen weitergeschleust und saßen in Stuhlreihen hintereinander. Der nächste Stuhl stand bei der Anmeldung, wo ich meinen unterschriebenen Aufklärungsbogen, die Impfeinwilligung und meinen Impfpass abgeben musste. Dann war es der Stuhl in der Impfkabine, auf dem ich die lang ersehnte Spritze erhalten habe. Zuletzt saß ich wieder mit großem Abstand hinter und neben anderen frisch Geimpften und wartete darauf, keinen anaphylaktischen Schock zu erleiden.

11 – So viele Gummibärchen befanden sich in der Tüte, die ich nach der Impfung geschenkt bekommen habe, darunter sechs rote und ein grünes, meine Gummibärchen-Lieblingsfarben.

15 – Die sehr freundliche Ärztin hatte mir empfohlen, nach der Impfung 15 Minuten zu warten, damit ich noch in greifbarer Nähe wäre, falls es zu einem anaphylaktischen Schock kommt. Die ersten acht Minuten davon verbrachte ich damit, meinen Herzschlag zu beobachten.

17 – Es waren insgesamt 17 Personen, mit denen ich während des Impftermins zu tun hatte. Zwei Helfer habe ich draußen nach dem Weg gefragt (mich aber dennoch einmal verlaufen, was allein meine Schuld war). Am Eingang bat mich eine Mitarbeiterin, meine Hände zu desinfizieren, und maß meine Temperatur, eine weitere scannte meinen QR-Code ein. Ein Helfer durchsuchte meinen Rucksack und meine Handtasche. Insgesamt sechs Mitarbeiter baten mich auf einem der Stühle Platz zu nehmen und zu warten oder winkten mich zu sich. Eine von ihnen gab mir ein Klemmbrett für meine Unterlagen. Von dem Moment an ging aber alles so schnell, dass ich meine Papiere schon an einen weiteren Helfer übergeben musste, bevor ich sie überhaupt am Klemmbrett hatte befestigen können. Ich schob ihm auch das nicht genutzte Klemmbrett unter der Plexiglasscheibe zu. Nach der Anmeldung nahm mich ein Bundeswehrsoldat unter seine Fittiche – spätestens jetzt wäre eine Flucht zwecklos gewesen. Eine junge Frau mit Undercut desinfizierte meinen rechten Oberarm, eine Ärztin mit dunklen Locken klärte mich über die Impfung auf und setzte kompetent die Spritze. Zuletzt holte mich ein weiterer Mitarbeiter ab, ließ mich einen weiteren schwarzen Stuhl aussuchen, duzte mich, machte ein paar nervige Witze („Hast du geweint?“) und gab mir ein Tütchen Gummibären. Auf dem Weg aus dem Impfzentrum heraus gab es noch einen Helfer, der mir eine Tür öffnete, als würde ich gleich die große The Voice of Germany-Bühne betreten.

49 – Das ist die Anzahl der Minuten, die ich im Impfzentrum verbracht habe.

Vielleicht sollte ich mit diesen Zahlen wirklich mal mein Glück beim Lotto versuchen – ich bin ja schließlich ein Sonntagskind und übrigens ebenso wie Hugh Jackman im Oktober geboren.

Die Wahrscheinlichkeit, im Lotto sechs Richtige zu tippen, liegt bei 1 zu rund 14 Millionen. An einem anaphylaktischen Schock sterben jährlich fünf bis zehn von 10 Millionen Menschen. Für den Moment gehöre ich erfreulicherweise nicht zu den fünf bis zehn, die es erwischt. Hoffentlich gelingt mir dafür der große Wurf beim Glücksspiel.

  • Was ich heute zum ersten Mal gemacht habe: das Velodrom besuchen.
  • Was ich heute zum letzten Mal gemacht habe: im Vorraum der Toilette die Seife mit dem Desinfektionsmittel verwechseln.
  • Erkenntnis des Tages: Dinge passieren nicht deshalb, weil ich mich vor ihnen fürchte (Stichwort: allergischer Schock).

1 Kommentar zu „Zum ersten Mal: Gegen Corona geimpft werden“

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