Zum ersten Mal: Süßigkeiten im Netz bestellen

oder: Von gebrannten Mandeln

und gebrannten Herzen

Ich liebe Jahrmärkte: Kerb, Chilbi, Kirmes, Rummel – nenn‘ es, wie du willst, aber stell mir einen Autoscooter in die Pampa und ich bin ganz bei mir und glücklich. Nun fragt man sich zurecht, was man als einigermaßen großer Mensch dabei findet, sich auf einem ruckeligen Fahrgerät durchschütteln zu lassen, Lose zu kaufen oder Popcorn mit Zucker zu essen. Und Nein, das ist nicht erst so, seit ich Kinder habe und Ja, ich bin zwischen eigener Kindheit und der Geburt meiner eigenen Kinder eben auch immer alleine hingegangen. Dann musste ich mein Popcorn wenigstens nicht teilen und durfte selbst Kettenkarussell fahren, anstatt nur die Tüte zu halten und meinem entrückt schauenden Nachwuchs zuzuwinken. Ich bin erblich vorbelastet und habe den schweren Verdacht, dass mir mein Opa und meine Oma irgendwann ein Stück Magenbrot in die winzige Faust gedrückt und gesagt haben, dass so das große Glück schmeckt. Magenbrot heißt übrigens so, weil es ursprünglich aus dem Alpenraum stammt und im Lebkuchen viele sehr magenfreundliche Gewürze enthalten sind: gesund sind Jahrmärkte nämlich auch.

Ich bin auf Jahrmärkten aufgewachsen und habe da große Unterstützer in meiner Familie gefunden – wenn meine Mama und ich irgendwo ein mickriges Karussell auf einem Dorfplatz haben stehen sehen, waren wir die Ersten. Und wenn da ansonsten nur noch zwei weitere Wagen standen, dann war das auch egal. Denn die Chance war sehr groß, dass einer der anderen Wagen eine Losbude war und der dritte ein Süßwarenstand. Und somit war ich den ganzen Nachmittag im Jahrmarktshimmel. Ich möchte hiermit gerne festhalten, dass meine Mutter ein besonderes Faible für Waffelbruch hat – eine Tüte voller zerbrochener, alter, verdrückter Schaumküsse. Menschen mit schlechterem Geschmack als wir behaupten zwar, das schmecke wie Styropor, aber es gibt ja auch Klimawandelleugner und solche, die meinen, dass ihnen bei mRNA-Impfungen ein Mikrochip eingepflanzt werde. Ich gehe übrigens bis heute am liebsten mit meiner Mama auf den Jahrmarkt und muss weinen, wenn ich daran denke, dass mein Opa keine dreißig Fahrmarken für das Karussell mehr für mich kaufen kann.

Bestimmt denkst du jetzt, dass ich verwöhnt worden bin. Und bestimmt hast du recht, aber für diese dreißig Fahrmarken fährt mein Herz bis heute im Kreis und winkt begeistert zwei Menschen zu. Vielleicht also weniger verwöhntes Einzelkind und dafür ernsthafte Investition in das Lebensglück eines Menschen. In jedem Fall habe ich irgendwann verstanden, was meine anhaltende Faszination ausmacht: Man stelle sich irgendeine Wiese vor, nichts Besonderes, irgendwo auf der Welt. Und dann fahren eines Tages die Wagen vor und auf der Wiese entsteht eine kleine Wagenstadt, Karussells werden aufgebaut, billige Rieseneinhörner aufgehängt und irgendwann macht der Jahrmarkt auf. Für ein paar Tage lang sind die Karussellmanövrierer die Könige der Wiese, aus vielen Lautsprechern schallt Musik, bei der man sonst den Radiosender wechseln würde, es riecht nach Pommes und gebrannten Mandeln und wenn es dunkel wird, gehen die Blinklichter an und in der Dunkelheit kreischen die Menschen bei jedem Looping. Und plötzlich ist alles wieder vorbei, der Jahrmarkt zieht weiter. Aber über dem Platz liegt noch ein paar Tage dieser Hauch von Lebkuchen und Bratwurst, diese Sehnsucht nach der bunten, lauten Kirmeswelt. Fast wie ein blinder Fleck, von dem sich das platt getrampelte Gras nur langsam wieder erholt. Oder vielleicht nie.

Jahrmärkte jedenfalls gibt es in Deutschland seit über einem Jahr nicht mehr und die Karussells schlafen irgendwo wie Dinosaurier einen sehr langen Winterschlaf. Und als ich mit meiner Mama telefoniere, ist sie zum ersten Mal seit langer Zeit verzagt. Die Knie, sagt sie, das ginge so langsam nicht mehr. Und es sei so still draußen. Als habe irgendwann die Welt aufgehört da zu sein und alles sei nur noch Kulisse. Die Nachbarskinder würden ihr Spaß machen, aber wir fehlen ihr, sagt meine Mutter. Das Leben laufe davon. Als wir auflegen, höre ich noch einen Moment in die laute Stille. Und rieche Popcorn, gebrannte Mandeln und höre die Losverkäufer klingeln: Wer will nochmal, wer hat noch nicht?

In Australien ist es später Abend, in Deutschland Freitagmittag. Und ich greife wieder zum Telefon. Ob da das Genußhäuschen sei, will ich wissen, und ob sie gebrannte Mandeln, Lebkuchenherzen und Waffelbruch nach Schwalbach liefern können. Die Frau am Telefon lacht bitter. Waffelbruch, sagt sie, wäre nach über einem Jahr deutschlandweitem Jahrmarkststillstand demnächst museumsreif. Sie hätten auch derzeit keine Produktion, für wen denn auch. Dann wünscht sie mir einen schönen Tag und legt auf. Ich spreche mit dem Knusperhaus, den Internationalen Mandelspezialitäten, mit Popcorn & Zuckermaus, während sich die australische Nacht über meinen Zaubergarten legt. Aus Verzweiflung rufe ich einen Fahrsteller aus dem Raum Frankfurt an und frage, ob man meiner Mutter nicht ein kleines Kinderkarussell in den Vorgarten stellen können. Meine Mutter, erkläre ich, hat da so einen schönen japanischen Steingarten, der sei doch ein stabiler Untergrund für ein Fahrgeschäft. Gute Frau, sagt der sehr freundliche Mann, ich würde ihrer Mutter sofort unseren Breakdancer auf die paar Kiesel stellen, aber kommen dürfte deswegen noch lange keiner. Verkaufen sie zufällig gebrannte Mandeln, frage ich zurück. Aber nicht in der Plastiktüte, sondern in einer spitzen Papiertüte. Nee, sagt der, wir kratzen immer nur die Reste des Mageninhalts aus den Fahrkabinen. Aber wenn er mir schon den Breakdancer nicht aufstellen könne, dann soll ich doch mal den Eberhardt aus Wiesbaden anrufen. Vom Mandelexpress. Und ihm einen schönen Gruß von Kalle ausrichten. Er wünscht mir viel Glück. Danke, Kalle, sage ich und wenn ihr mal einen Karussell-König braucht, komme ich heim. Tschüß, lacht Kalle und legt auf.

Ich rufe beim Mandelexpress an. Spreche ich mit Eberhardt, erkundige ich mich, als es mich hessisch aus der Muschel annuschelt. Hier sei Edda und ich wolle fragen, ob er nicht gebrannte Mandeln und Magenbrot zum schmerzenden Herz meiner Mama nach Schwalbach liefern könne. Ach so, und viele Grüße von Kalle! Och, sagt Eberhardt, wieso eigentlich nicht. Echt jetzt, sage ich perplex. Schieß los, Mäuschen, was willste denn bestellen, kommt es aus dem Hörer. Brausestäbchen, 200 g gebrannte Mandeln, Popcorn mit Zucker, Schaumküsse mit dunkler Schoko und welche mit Kokos, Gummischlangen, Lakritzstangen, Magenbrot, rattere ich los. Die Mandeln nicht in Plastiktüte, sondern in spitzen Papiertüten! Willst Du mich verarschen, Mäuschen, knirscht es aus dem Hörer, wir machen nicht in Plastik. Klar, sage ich. Und Brausestäbchen hätten sie nicht mehr. Ok, sage ich. Ob ich denn per Überweisung bezahlen könne und wann er, Eberhardt, liefern würde. Am Sonntag, sagt er, zwischen 16 und 18 Uhr, dann sei er zum Tatort wieder daheim. Ich bedanke mich und frage die Zahlungsdetails ab, dann endet das Gespräch.

Ich stürme in unser Schlafzimmer, in dem mein Mann schon friedlich schläft. Worauf ich in Ausnahmesituationen keine Rücksicht nehmen kann. Hast du PayPal, rede ich einfach in Überzimmerlautstärke auf ihn ein. PayPal, jetzt! Nee, murmelt mein jahrmarktsmuffeliger Mann, das sei alles rip off und versucht doch tatsächlich, sich umzudrehen. Hiergeblieben, sage ich, du musst jetzt Geld nach Deutschland überweisen. Und zwar per PayPal. Es geht um Leben und Schaumkuss!

In Gedanken bin ich beim Sonntag. Zwischen 16 und 18 Uhr. Wenn Eberhardt in die Straße meiner Mutter einbiegt und ihr eine Tüte mit genügend Jahrmarktszeug für die ganze Straße vor die Tür stellt, klingelt und wieder losfährt. Um zum Tatort wieder daheimzusein. In der Tüte riecht es nach Kindheitsglück und Heimweh und Sehnsucht und oben drauf liegt ein Zettel: „Kuss, Deine Edda“.

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