Zum letzten Mal: Laufen mit Clara

oder: Vom Ende einer Freundschaft

Ich hätte nie gedacht, dass ich irgendwann einmal regelmäßig laufen gehen würde, und dass ich es doch tue, habe ich einer Freundin (ich nenne sie hier mal Clara) zu verdanken. Oder sagen wir: meiner ehemaligen Freundin Clara, denn wir gehen seit geraumer Zeit getrennte Wege. Das ist also leider nicht nur auf unsere Joggingstrecke bezogen, sondern gilt grundsätzlich. Ebenso wenig, wie ich gedacht hätte, regelmäßig laufen zu gehen, hätte ich erwartet, Clara als Freundin zu verlieren. Letzteres habe ich auch nicht gewollt.

Meine Laufschuhe habe ich mit den allerbesten Vorsätzen im Frühjahr 2019 während eines Familienurlaubs in der Lüneburger Heide in einem Outlet-Center erworben. Sie sind schwarz und orange und sehen so aus, wie ich gern wäre: sportlich! Mit dem Laufen habe ich dennoch erst sehr viel später angefangen, nämlich im Februar 2020 pünktlich zu Beginn der Corona-Pandemie, als man sich zu fragen begann, ob vorbeilaufende Jogger eine Gefahr für die Gesundheit darstellen könnten. Stichwort: Aerosole. Mein Arzt gab zu bedenken, es könnte eine Gefahr für meine Gesundheit werden, wenn ich weiterhin keinen Sport treibe. Oder, anders gesagt: Es wäre gut für mich, laufen zu gehen. Er würde es dringend und gegen jegliche Art von Beschwerden empfehlen (er läuft selbst, er weiß, wovon er spricht). Hatte ich erwähnt, dass ich zur Hypochondrie neige? Nein? Etwas für meine Gesundheit zu tun, war wahrscheinlich der entscheidende Impuls, die schwarz-orangefarbenen Turnschuhe hervorzukramen und endlich zu starten. Vielleicht hätte ich es also so oder so getan, aber eines ist sicher: Dass Clara meine Laufpartnerin wurde, machte es mir deutlich leichter. Wir begannen, wie auf verschiedenen Fitness-Seiten empfohlen, mit einem Wechsel aus Laufen und Gehen, unsere Strecke betrug anfangs weniger als fünf Kilometer.

Wir waren zu diesem Zeitpunkt schon befreundet, nicht total eng, aber gut. Es gab einiges, das uns verband. Das reichte mir schon. Ich muss nicht mit jedem in allen Punkten übereinstimmen.

Das gemeinsame Laufen brachte uns näher zusammen. Anfangs liefen wir einmal pro Woche, steigerten das Pensum aber bald auf drei wöchentliche Läufe. Während der Corona-Pandemie mit all seinen (Kontakt-)Beschränkungen war das ein wichtiger Fixpunkt für mich. Das Laufen machte mir Spaß und der regelmäßige Austausch mit Clara ebenfalls.

Vielleicht war ich die treibende Kraft – höher, schneller, weiter –, vielleicht war ich zu treibend. Ich bin jemand, der mit hoher Schlagzahl durchs Leben fährt, und ich bin es gewohnt, in kurzer Zeit total viele Dinge zu schaffen. Aktiv zu sein, liefert mir Energie, statt sie mir zu nehmen. Dabei habe ich vielleicht übersehen, dass es nicht jedem so geht.

Die gemeinsamen Lauftreffs sagte mir Clara immer öfter ab, manchmal ohne Begründung, meist ohne Entschuldigung, häufig sehr kurzfristig. Dann bin ich allein gelaufen und war enttäuscht, manchmal auch verärgert. Ich halte mich für recht biegsam und nehme in einer Freundschaft einiges hin, bevor ich sage, dass mich etwas stört. So war es auch hier. Ich kann das auch nicht gut: sagen, dass mich etwas stört. Warum? Weil ich mich selbst nicht gut dabei fühle, Kritik zu üben. Wenn ich merke, dass es meinem Gegenüber schlecht damit geht, fühle ich das mit. Auch deshalb scheue ich Konflikte, und das, obwohl ich sie für total wichtig halte. Ich bin der Meinung, dass eine Freundschaft an einem Konflikt wachsen kann. Jede zwischenmenschliche Beziehung kann an einem Konflikt wachsen.

Ich weiß gar nicht mehr, wann wir zuletzt gemeinsam gelaufen sind. Es muss irgendwann Mitte, Ende Dezember gewesen sein. Als mir Clara unseren Lauf am Silvestertag absagte, ist mir dann (leider) doch der Kragen geplatzt und ich habe gesagt, dass ich diese ständigen Absagen leid bin. Danach hat mir Clara die Freundschaft gekündigt. Und ich habe mich wiederholt um eine Versöhnung bemüht. Ich will gar nicht weiter in die Tiefe gehen, weil so eine Geschichte immer mindestens zwei Seiten hat – jeder erlebt sie auf eine andere Art und Weise, und vielleicht ist meine nicht die richtige.

Vielleicht haben wir uns bei Kilometer sechs verloren, vielleicht aber auch schon bei Kilometer fünf. Ich rannte und rannte und fühlte, wie gut mir das tat. Und dann drehte ich mich um – und plötzlich war sie nicht mehr da. Sie ist mir irgendwie abhandengekommen.

Ich gebe Freundschaften nicht gern auf, wenn es nicht wirklich einen sehr guten Grund dafür gibt. Ich glaube, das Leben ist zu kurz dafür, die Menschen immer wieder ziehen zu lassen. Dennoch frage ich mich im Nachhinein, ob wir vielleicht gar nicht zusammengepasst haben. Aus der Distanz erscheint es mir fast so, sie ist mir innerhalb kürzester Zeit sehr fremd geworden.

Was meinst du, Edda? Sieht man eine Person klarer, wenn man dicht an ihr dran oder wenn man weit von ihr entfernt ist? Es gibt gute Argumente für beide Sichtweisen.

Ich jogge übrigens immer noch und bin stolz darauf. Sieben Kilometer sind es jetzt, manchmal auch mehr, zwei- bis dreimal pro Woche, die Laufschuhe und ich.

1 Kommentar zu „Zum letzten Mal: Laufen mit Clara“

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