Dialog: Freundebuch I

SOPHIE: Wir kennen uns ja noch nicht so wahnsinnig lange und vielleicht sollte ich dir ein paar wichtige Dinge über mich verraten: Meine Lieblingsfarbe ist Grün, meine Lieblingsband a-ha und mein Lieblingsfilm „Dirty Dancing“. Das erzähle ich dir lieber jetzt, damit du mir später nicht vorwerfen kannst, ich hätte dir irgendetwas verheimlicht.

EDDA: A-ha? Leben die überhaupt noch???? Ich meine, ich musste mal kurz Spotify befragen, um rauszufinden, was das nochmal für Musik war. Das klingt … äh … sehr nach den 80er Jahren. Also, nichts gegen Keyboard. Ich liebe Keyboard-lastige Musik. Manchmal. So ungefähr jeden hundertsten Sonntag zwischen 16:00 und 16:05. Andererseits habe ich wahrscheinlich die Schönheit von A-ha noch nicht erkannt. Sieht der Sänger gut aus? Ich liebe Musik und höre eigentlich bei den meisten Sachen Musik: beim Sport, beim Schreiben, beim Autofahren, bei Rasenmähen, beim Putzen usw. Nur beim Lernen muss es ganz still sein. Was ist sind denn Deine fünf Lieblingslieder? Dann höre ich mir die mal an. Also, besonders dann, wenn ganz viel Keyboard dabei ist.

SOPHIE: Okay, ich hab‘ mir schon gedacht, dass ich mich erklären muss. a-ha zu mögen ist vielleicht ein bisschen wie entkoffeinierten Kaffee zu trinken. Man stößt nicht unbedingt sofort auf Gleichgesinnte. Ich bin auch eher zufällig auf die Musik gekommen. Um ein a-ha-Fan der ersten Stunde zu sein, bin ich einfach zu jung. Meine ältere Freundin Katja hatte damals ein Poster aus der „Bravo“. Ich kann mich noch erinnern, wie ich das in ihrem Zimmer gesehen habe. Das war zu einer Zeit, in der mich „richtige“ Männer noch nicht wirklich interessiert haben, also vor allem keine kernigen Norweger mit bis zum Bauchnabel geöffneten Hemden und Lederarmbändern. Das war mir dann doch zu viel geballtes Testosteron, obwohl ich damals natürlich nicht wusste, was Testosteron ist. Aber man kann so etwas vermutlich spüren. Als „Take on me“ mit durchschlagendem Erfolg veröffentlicht wurde, war ich noch nicht einmal sieben. (Das ist doch eine schöne Knobelaufgabe, um mein Alter herauszufinden.)

Aber jetzt zurück zu der Geschichte, wie a-ha meine Lieblingsband wurde: Es war im Sommer 2017 und alle nannten mich „Baby“, ach, nein, so hat mich tatsächlich noch nie jemand genannt. Alle nannten mich schlicht und ergreifend Sophie. Und da entdeckte ich ein Plakat für ein Unplugged-Konzert von a-ha, die mich jahrzehntelang nicht die Bohne interessiert hatten. Es sollte im Januar 2018 stattfinden. In Berlin wurden nämlich vor Corona tatsächlich regelmäßig Konzerte gespielt, man kann es kaum glauben. So viele Menschen zusammen ohne Masken und Mindestabstand – igitt!

Aber ich dachte: Wenn einer auch unplugged gut singen kann, dann bestimmt Morten Harket, Lederarmbänder hin oder her. Und genau so war es auch. Er fing an zu singen – und es war um mich geschehen!!!! Eindeutig sehr viel Testosteron, selbst mit Ende 50 noch. Hui! Und ich mag die melancholischen Melodien und melancholischen Texte. Zum Beispiel: Memories they keep coming through/The good ones hurt more than the bad ones do. Finde ich passend.

Was für Musik hörst du denn gern? Hast du irgendwelche Vorlieben je nach Tätigkeit? Punk beim Putzen, Bi-Ba-Butzemann, wenn du das Kinderzimmer aufräumst?

EDDA: Zuallererst räume ich nie die Kinderzimmer auf! Das müssen meine Kinder selbst machen, selbst die Kleineren (da helfe ich aber. Manchmal.).

Meine fünf Lieblingslieder – obwohl das sehr schwer ist – wären: 1. The World At Large – Modest Mouse, 2. Gloomy Planets – The Notwist, 3. Valencia – The Decemberists, 4. West Coast – Coconut Records, 5. Hate it or love it – The Game.

Musik ist sehr wichtig für mich. Mein Mann und ich gehen jedes Jahr kurz vor oder nach Sylvester zusammen für einen Abend aus und spielen uns gegenseitig unsere Lieblingslieder des jeweiligen Jahres vor. Dabei tragen wir beide Kopfhörer, damit uns die Umwelt nicht stört. Musik ist sogar so wichtig, dass zwei meiner Kinder nach Musikern heißen. Die anderen Drei heißen nach Büchern. Ich mag gerne Musik, die Geschichten erzählt. Das bedeutet, dass mir Hip Hop und alles Instrumente-lastige nahe liegt. Ich kann mit Elektro nicht viel anfangen. Meine Kinder mögen gerne Klassik, ich auch – das trifft sich also gut. Aber ich höre beim Sport andere Musik als beim Schreiben und beim Stricken andere Musik als auf dem Trampolin. Wenn Du Spotify hast, kann ich Dir gerne eine Playlist machen!

SOPHIE: Beim Schreiben muss es für mich eigentlich still sein, da kann ich keine Musik hören (noch nicht einmal a-ha). Ich kannte übrigens keines der Lieder auf deiner Playlist und habe sie hintereinander gehört und ausnahmsweise mal zeitgleich geschrieben, nämlich dir. Ich mochte alle, aber West Coast am meisten. Hip Hop mag ich, auch deutschen, die Sachen, mit denen ich groß geworden bin. 50 Cent kenne ich natürlich! 

Ich weiß gar nicht, ob ich mich jetzt noch trauen soll, meine Lieblingslieder zu verraten. Die klingen im Gegensatz zu deinen so nach Mainstream. So, als hätte ich mich seit den 90ern nicht wirklich weiterentwickelt, als wäre ich auf irgendeinem schlechten Trip hängen geblieben und würde immer noch orientierungslos zwischen Beverly Hills 90210 und Melrose Place umhercruisen, dabei Tupak hören und hoffen, nicht in ein sinnloses Drive-by-Shooting zu geraten. Die Baggy Pants legen mein Bauchnabelpiercing frei (Ein Arschgeweih habe ich gottbewahre nicht! Gut, wenn man auch mal etwas auslassen kann.), im Handschuhfach liegt ein Raider und von Zeit zu Zeit wische ich mir meinen Rachel-Hair-Cut mit einem neon-rosa Schweißband aus der Stirn. Ich muss das alles endlich hinter mir lassen…

Themawechsel: Was ist denn deine Lieblingsfarbe?

EDDA: Grün mag ich auch. Am liebsten Olivgrün, Thymian. Dann mag ich noch Senfgelb und Perlgrau. Wahrscheinlich ist meine Lieblingsfarbe aber Geringelt. Ich liebe Ringelshirts und besitze… viele. Also: sehr viele.

Welches Grün magst Du denn? Apfelgrün, Salbei, Olive, Spinatgrün…

Auf „Dirty Dancing“ wäre ich übrigens nie gekommen. Was magst Du an dem Film gerne? Außer der Tatsache, dass Patrick Swayze’s Hemden einfach keine Knöpfe oberhalb des Bauchnabels zu haben scheinen.

SOPHIE: Wieso wärst du nie auf „Dirty Dancing“ gekommen? Ist der Film in deinen Augen etwa ein „Don’t“? Ich sehe wahnsinnig gern Musik- und/oder Tanzfilme und Liebesgeschichten! „Mein Baby gehört zu mir!“ Das ist wahrscheinlich der erste und einzige Satz, der in der deutschen Übersetzung besser ist als im englischsprachigen Original („Don’t put Baby in the corner.“) Oder: „Ich habe eine Wassermelone getragen.“ Großartig!

Ich mag auch Musicals (oh je, das ist wieder so etwas, was mich direkt ins Abseits befördern könnte). „La La Land“ hat mir zum Beispiel sehr gut gefallen. Kennst du den? Die Eingangsszene, wo alle auf den Autos und daneben tanzen. Hammer!

EDDA: Ich glaube, ich wäre nie auf „Dirty Dancing“ gekommen, weil ich den Film immer so als pure Nostalgie betrachtet habe. So etwas, das bei einer bestimmten Generation zum Aufwachsen gehört hat. Wie der erste richtig gute Sandkastenfreund, den man nie vergisst. Aber ich wäre einfach nie auf die Idee gekommen, dass das dann der Lieblingsfilm wird. Mir gefällt, dass das wirklich Dein Film ist und Du das nicht so als ironische Pose benutzt. Ich bin nämlich sehr uncool und mich verschrecken so ganz coole Menschen schonmal.

SOPHIE: Ich finde dich bisher gar nicht uncool! Wie kommst du darauf, dass es so sein könnte??? 

Ich musste ein bisschen darüber lachen, dass ich in deinen Augen jetzt nicht mehr zu den ganz coolen Menschen gehöre. Ich dachte, das hätte ich schon mit meinem Kaffee-Geständnis, spätestens mit der a-ha-Beichte erreicht. Ist da noch etwas zu retten?

EDDA: Nee, irgendwie schließt sich Elterntum und Coolness aus. Oder vielleicht auch nicht und der ganze coole Kram wird überschätzt. Was bringen die lässigsten Sneakers, wenn das Kleinkind mit Matschfüßen ständig drauftrampelt. Und Handtaschen sind in dem Moment passé, wenn die erste Trinkflasche Vollgas drin ausgelaufen ist. Ich bin nach der Geburt meines ersten Sohnes noch immer hartnäckig mit Handtasche unterwegs gewesen. Und musste mir von meiner Mama anhören, dass das schon ganz schön unpraktisch ist, wenn die beim Kinderwagenschieben immer so über die Schulter gerutscht ist. Bei der Geburt meines zweiten Kindes habe ich aufgegeben und mir einen Rucksack gekauft. Bei Autos war es genauso. Ich liebe Autos. Schnelle Autos vor allem. Ich habe meine 2,3,4 Kinder hartnäckig in mein starkes, schönes Auto gequetscht. Und geschworen, man würde mich nie in einem Bus sehen. Dann bin ich nach Australien gezogen und – Peng – habe einen VW Bus gekauft. Und – Peng Peng Peng – Kind Nummer 5 gleich mitgekriegt, damit sich der Bus auch wirklich lohnt.

Coolness ist ja irgendwie auch Attitüde. Und für Attitüde jedweder Art fehlt mir irgendwie die Zeit.

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