Zum letzten Mal: Ballett in Rosa

oder: Corona-Kollateralschäden

Nach langer Corona-Pause hat neulich der Präsenzunterricht beim Ballett wieder begonnen. Warte mal. Habe ich eben „Präsenzunterricht“ geschrieben? Ohne mit der Wimper zu zucken? Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Wort irgendwann einmal ebenso selbstverständlich in meinen Wortschatz Einzug halten würde wie die Begriffe „Außengastronomie“, „FFP2-Maske“ und „Inzidenzwert“. Neulich hat auch meine jüngste Tochter von „Außengastronomie“ gesprochen – und ich wusste nicht, ob ich darüber lachen oder weinen sollte. Das Wort hat doch vor Corona niemals jemand benutzt. Oder doch? Die Außengastronomen vielleicht?!

Nun gut, was rege ich mich auf? Wir waren also beim Ballettunterricht: die kleinste meiner drei Töchter und ich. Als sie nach einer Stunde mit ihrer OP-Maske in den Hof trat, wo ich auf sie gewartet hatte, erklärte sie mir: „Wir dürfen jetzt blaue Balletttrikots tragen.“ Blaue Trikots tragen heißt so viel wie: Wir sind jetzt keine kleinen Mädchen mehr, sondern mittelgroße. Denn die Farben sind an unserer Ballettschule ans Alter gebunden: rosa Trikots für die Kleinsten, hellblaue für Mädchen zwischen acht und zwölf, dann folgen – abhängig vom Wunsch der Gruppe – die Farben Dunkelblau oder Weinrot.

Wenn ich der Geburtsurkunde und der Aussage der Ballettlehrerin trauen darf, ist meine jüngste Tochter jetzt acht Jahre alt. Aber eben ist sie doch noch über unseren Parkettboden gekrochen, oder nicht? Im Strampelanzug, nicht im Balletttrikot. Ich habe sie im Wagen schlafend durch die Straßen Friedenaus geschoben und konnte meinen Blick kaum von ihrem kleinen Gesichtchen wenden, hatte sie im Tragesitz vor meinen Bauch gebunden und habe an ihren weichen, hellblonden Haaren geschnuppert, bis mir das Wasser im Munde zusammengelaufen ist. Wurde mit zahnlosem Mund angelächelt. Habe viele kleine Bodys auf den Wäscheständer gehängt. Viele kleine Windeln gewechselt. Von Erzieherinnen gebastelte Muttertagsgeschenke entgegengenommen.

Wenn ich es mir recht überlege: Zähne hat sie doch schon eine ganze Weile, sogar eine Zahnspange, was dafür spricht, dass es schon ihre zweiten sind. Habe ich etwa den Auftritt der Zahnfee verpasst? Die Spange soll den über Jahre mit Schnuller und Däumchen malträtierten Kiefer wieder in Form bringen. Wenn sie die im Mund hat, lispelt sie so niedlich und schluckt lautstark ihre Spucke hinunter. Und um ehrlich zu sein: Windeln und Bodys gehören ebenso wie das zahnlose Lächeln schon lange der Vergangenheit an. Und die Geschenke bastelt sie mittlerweile selbst, und zwar in der Schule.

Aber eines stimmt: Bis gerade eben hat meine Kleinste noch in Rosa getanzt. Das bilde ich mir nicht nur ein, weil ich mich so schwer damit tue, Abschied zu nehmen. Und ich hätte es gern noch genossen. Langsam dringt es in mein Bewusstsein: Das letzte rosa Jahr habe ich an die Pandemie verloren. So wie einiges andere auch. Ich habe meine Eltern seit März 2020 nicht mehr umarmt, Monate im Home Office verbracht und quasi nebenher und gezwungenermaßen mit links meine drei Töchter beschult und dabei zahlreiche Federn gelassen, diverse Reisen abgesagt, Angst beim Einkaufen gehabt und mit Herzklopfen Artikel über Long Covid gelesen, FFP2-Masken getragen und dabei wie eine Ente ausgesehen. Und jetzt auch noch das: Als Corona das rosa Ballettkleidchen stahl.

Warum mich das so traurig macht? Weil durch mein Mutterleben niemals mehr jemand in Rosa tanzen wird. Die Zeiten sind vorbei. Es kommt niemand mehr nach: weder im Ballett- noch im Fußballtrikot. Aber das kann ich nicht auch noch Corona anlasten. Irgendwie haben mein Mann und ich das so entschieden oder entscheiden müssen. Ich weiß nicht, es ist ein komplexes Thema. Die Kleinste wird jedenfalls immer die Kleinste bleiben. Und während sie groß wird, werde ich alt.

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