Dialog: Meer oder Berge?

SOPHIE: Wir haben uns ja schon mal über Sehnsuchtsorte ausgetauscht und neben Bornholm gehört für mich Prerow dazu. Ich würde so wahnsinnig gern mal wieder dorthin fahren. Die letzten zwei für den Darß geplanten Urlaube sind wegen Corona ins Wasser gefallen – im Herbst 2020 und zu Himmelfahrt 2021. Aber ich muss dringend mal wieder ans Meer!!! Das wäre wirklich wichtig für mein Seelenheil!!! Da scheiden sich die Geister ja auch: Bist du eher Meer oder Berge?!

EDDA: Ich habe gerade ganz laut gelacht, weil ich Dir so gerne schreibe und darüber total vergessen habe, dass wir uns noch nie gesehen haben und nicht kennen. Ich bin Meer pur, nix Berge! Ich hasse Berge! Als Kind musste ich oft wandern und so sehr ich meine Eltern liebe und für das Allergrößte halte… aber diese Kackwanderei… echt, schlimm! Ok, das war jetzt übertrieben. Ich verstehe total, was man am Wandern schön finden kann. Ich laufe gerne und mag, wenn meine Gedanken so vor sich hinwandern. Aber dieses Berg-Gelatsche finde ich gruselig. Und dann soll man auch noch vor irgendwelchen Hütten hocken und ins Tal bewundern, was man geschafft hat. Koffeinfreien Kaffee haben die da oben dann auch meistens nicht. Nee, echt nicht. Und dann sind Erwachsene auch immer so still beim Wandern und ich bin sehr ungerne still und sehr gerne mitteilsam.

Ich telefoniere immer am Sonntagabend mit meinem Papa und wir haben uns darüber unterhalten, dass mein Papa gerne vom Bodensee über die Alpen irgendwohin nach Spanien wandern möchte. Mehrere Monate lang. Und ich habe zu ihm gesagt, dass er doch warten soll, bis ich wieder in Europa bin und dann würden ich und mein ältester Sohn (der übrigens ein sehr schweigsamer Zeitgenosse ist) mitkommen. Das wäre doch schön! Und dann war es sehr lange sehr still am Telefon. Und dann hat mein Papa doch tatsächlich zu mir gesagt, dass es doch aber beim Wandern so schön ist, wenn es still sei. Beanie könne aber sehr gerne mitkommen! Ich habe jetzt noch Zeit bis nächsten Sonntag, um mich zu entscheiden, ob ich beleidigt sein möchte. Wahrscheinlich aber eher nicht, denn zum nachtragend sein fehlt mir oft einfach die Zeit.

Ach so, Prerow. Ich war erst einmal auf dem Darß und mochte es da. Erzähl mal, was Du da magst und was es da so gibt. Fahrt ihr da immer hin? Auch mal übers Wochenende oder als Jahresurlaub? Wie kommt man da von Berlin aus hin? Ich bin damals mit dem Auto ab Frankfurt gefahren und fand, dass das nicht wild war. Meine Eltern sind viele Jahre lang immer nach Sylt gefahren, also Nordsee. Ich mag die Nordsee, weil sie so wild ist. Die Ostsee ist sanfter, stiller – hast Du das lieber?

SOPHIE: Seitdem meine mittlere Tochter auf der Welt ist, waren wir jedes Jahr dort, manchmal nur für ein paar Tage, manchmal für zwei Wochen. Nur 2020 hat es wegen Corona nicht geklappt. Jetzt halte ich mich an dem Gedanken fest, dass wir eine Woche im Herbst 2021 gebucht haben, und ich hoffe sehr, dass da keine Mutation dazwischen platzt.

Ich glaube, für mich ist der Darß eine Art kleiner Bruder Bornholms: (Halb)-Insel und Ostsee – das ist eigentlich schon die halbe Miete. Und dann kommt noch der Darßer Wald dazu, der naturbelassene Weststrand, das leckere Eis von Hein & Stin und die selbstgebackenen Kuchen im Kulturkaten. Wirklich: Prerow musste mich nicht lange überreden. Es war schnell um mich geschehen.

Wir fahren immer mit dem Auto hoch, man sagt ja manchmal, die Ostsee sei die Badewanne der Berliner. Der Weg ist in drei Stunden zu schaffen. Soll ich das in Hörspiele umrechnen? Wir waren schon im Sommer dort, im Herbst und im Frühling, und mir gefällt es immer ganz ausgezeichnet. Denn ich bin wirklich gern am Meer, vor allem an der Ostsee, weil sie verlässlich vor Ort ist und sich nicht wie die Nordsee immer wieder (beleidigt?) zurückzieht.

EDDA: Die Ostsee hat einen schwereren Stand bei mir als die Nordsee. Meine Liebe zum Pazifik ist jetzt neu dazugekommen. Ich bin wie Du ein Gänseküken und meine Eltern sind mit mir immer nach Sylt gefahren (im Winter!). Und während wir schweigend stundenlang durch Wind und Regen gelaufen sind und in die aufgewühlte Nordsee geschaut haben, war es in mir ganz still. In mir ist es oft sehr laut, und je lauter und aufgeregter mein Umfeld ist, desto stiller wird es in mir. Deswegen liebe ich die wilde See und die großen Ozeane.

Ich liebe das Meer. Und ich lebe auch gerne am Meer. Wenn Du Dir mal anschaust, wo Bilgola liegt, dann siehst Du, dass wir auf einer Halbinsel nördlich von Sydney wohnen. Das bedeutet, dass das Meer hier immer um uns rum ist und man, egal wo man sich aufhält, am Meer ist. Das mag ich total. Bei uns ziehen auch immer die Wale vorbei und man kann sie draußen sehen. Oder man begegnet Delphin-Schulen, wenn man am Strand ist. Es ist eine unglaubliche Lebensqualität, wenn man einfach abends schnell nochmal an den Strand kann. Im Sommer schmeiße ich die Kinder nach der Schule schnell ins Auto mit vier Handtüchern und dann gehen alle schwimmen oder im Sand graben. Und dann ist der Tag irgendwie um Lichtjahre besser. Ich habe mich immer gefragt, wie es ist, wenn man am Meer wohnt. Und jetzt, wo ich das erlebe, muss ich sagen, dass es noch schöner ist, als man es sich vorstellt.

SOPHIE: Das glaube ich sofort!!! Ich halte jetzt so lange die Luft an, bis wir auch ans Meer ziehen! – Mist, hat keiner gemerkt. Alle sind gerade mit etwas anderem beschäftigt.

Ich liebe das Meer auch und ich hatte wirklich auf Himmelfahrt in Prerow gehofft. Einfach mal wieder am Strand sitzen, aufs Wasser schauen und mit den Händen im Sand graben. Mehr wollte ich gar nicht.

Wenn wir auf Bornholm sind, mieten wir unser Ferienhaus übrigens immer in derselben Gegend. Wenn wir zum Strand gehen, ist es seit Jahren, nein, wahrscheinlich seit Jahrzehnten derselbe Abschnitt, den wir aufsuchen, und wir müssen immer über dieselbe Düne. Ich stehe gern dort oben und schaue aufs Meer und denke mir: Das ist immer dieselbe Düne und immer dasselbe Meer und nur ich werde immer älter und die Mädchen natürlich auch. Und hier habe ich schon gestanden, als ich noch keine Kinder hatte, und hier habe ich schon gestanden, als meine älteste Tochter noch ein Baby war, und vielleicht stehe ich hier irgendwann einmal mit meinen Enkeln. Und ich genieße das Gefühl, mich neben dem ewigen Meer und der ewigen Düne ganz klein und unbedeutend zu fühlen.

Das habe ich in den Bergen zwar auch, aber manchmal fühle ich mich dort sogar ein bisschen beklemmt. Dünne Luft? Angst vor dem Absturz? Kein koffeinfreier Kaffee? Wie auch immer – am Meer fühle ich mich wohler.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s