Zum ersten Mal: Herzflackern

Mittelerde liegt direkt in Australien, in Bilgola um genau zu sein. In der Bilambee Avenue spielen zwei Elben Fußball: langhaarige, feingliedrige Geschöpfe mit einer Anmut, die dem Betrachter fast schon die Tränen in die Augen treibt. Bis die Elben ein sehr lautstarkes Gespräch beginnen. Wenn du den hältst, kannst du mich für den Rest des Tages Popelmann nennen, brüllt das Elben-Mädchen sehr unelbisch und rammt ihren großen Bruder auf dem Weg zum Tor zur Seite. Der wiederum stellt ihr ein Bein, lacht fies und stoppt den Ball lässig. Aus einem Baum steckt Thorin Eichenschild seinen sehr haarigen Kopf und findet, hier müsse doch nicht immer so gebrüllt werden. Da könne man ja gar nicht in Ruhe die Nachbarn fernglasen. Das Auge Mordors fällt vom Lärm angelockt auf die brüllenden Geschwister. Dann springt Sauron entspannt weiter, denn mit der Knechterei kann man ja auch warten, bis sich eine passende Gelegenheit ergibt. Ich mache eine Bestandaufnahme: zwei Elben, ein Zwerg, Sauron (heute mal im Tüllrock), Beornchen das Bärenbaby, Schaumi und Baumi die Hasen, zwei Katzen, drei entflohene Hühner, mehrere Kookaburras, Mangobaum, Avocadobaum, Bananenpalmen – alles wie immer.

Ist es aber nicht. Wie ein Blitzschlag hat uns die Krankheit des Iren als Familie gefällt. Blitzschlag, Herzschlag, Wackelkontakt in dem Gefüge, das unseren engen Alltag ausmacht. Dabei ist der Ire doch Fußballheld, Rockstar unserer Herzen, Besitzer von magic hands (die jeden eingefrorenen Bildschirm erlösen und jede beschissene Schul-Lernsoftware das Fürchten lehrt). Bis er immer stiller wurde, müder, lustloser. Was ist denn mit dem Papa, fragt Beanie öfter. Weiß nicht, nichts, sage ich. Vielleicht doch, denke ich. Die Kinder zerren den Iren, der sich im Arbeitszimmer versteckt, in den Garten. Trainier mal mit uns. Aber der Ire greift sich ans Herz. Und spielt nicht. Am Küchenfenster stehe ich. Hier ist mein Ausguck in die Welt meiner Kinder und man sollte meinen, dass sich meine Handabdrücke in den Rand der Küchenspüle eingekerbt haben, denn soviel Zeit verbringe ich nirgendwo sonst. Was ist da los, frage ich den Iren abends. Eigentlich ist abends seine Zeit. Aber wir haben seit Monaten keine Gitarre mehr gehört und der Ire liest auch keine ungeheuer langweiligen Sachbücher mehr. Sondern sitzt um 21 Uhr still auf dem Sofa, oft schläft er dabei ein.

Da stimmt doch was nicht, sage ich in die abendliche Stille. Neben mir seufzt es und verschwindet hinter dem Computerscreen. Herzkrank sind immer die anderen: die Fetten, Unsportlichen, Alten, die, mit denen es ohnehin bald vorbei ist. Herzkrank sind immer die anderen, bis es eines Tages der Ire ist. Und er nicht mehr beim Fußball mittrainieren kann. Sich nicht mehr mit Freunden trifft. Kaum noch lacht. Keine schlechten Witze mehr erzählt (gute übrigens auch nicht, das ist aber immerhin nichts Neues). Keine Kraft mehr hat, nicht für sich, nicht für uns. Vielleicht einfach noch genauso viel, um einen Tag zu schaffen. Dann den nächsten. Und den danach. Tage schaffen ist nicht gleichbedeutend mit leben, für diese Erkenntnis muss man kein Superhirn sein. Die tektonischen Platten unseres Lebens verschieben sich und die Erde bebt. Ich habe keine Zeit mehr für die Univorbereitung und falle zurück. Stattdessen renne ich schneller und schneller, bin früher wieder da und gehe später. Ich will Oma und Opa, weint Thorin Eichenschild eines abends, hier ist es blöd. Aber die australische Grenzschließung ist wesentlicher beständiger als der Herzschlag des Iren und wir bleiben allein. Ich gebe mein Studium auf, sage ich dem Iren, bald fällt uns einer vom Karren. Nein, sagt der, mach weiter, du kannst das, wenn nicht du, dann keiner. Wenn nicht ich, dann keiner, sage ich mir und starte durch: lerne, putze, koche, mache Hausaufgaben, hole Praktikumsstunden vor und nach, fahre zum Fußball und zum Schwimmen, höre den Kindern bei den Dingen zu, die sie mir nicht sagen. Die Krankheit anderer macht nicht nur hilflos, sondern auch wütend. Wo vorher ein funktionierender Mensch stand, ist jetzt eine Zahnlücke.

Ich kann dich nicht aushalten, fahre ich irgendwann den Iren nach einem sechzehn Stunden Tag an. Der wehrt sich nicht, weil schwere Krankheiten immer auch mit Scham einhergehen. Nicht funktionieren zu können ist Pariatum 2.0. Ich wüte mich durch die Tage, mache Pläne, Listen und treibe die Kinder vor mir her. Neue deutsche Härte, sagt der Ire, und wer schonmal Rammstein gehört hat, kann sich meine Tonlage vorstellen. Jetzt wäre der Moment für den Heldenauftritt, das Wunder von Bilgola, aber es kommt nicht. Good news for people who love bad news war lange mein Lieblingsalbumsname. Das wird sich jetzt wahrscheinlich ändern.

1 Kommentar zu „Zum ersten Mal: Herzflackern“

  1. Liebe Edda,
    dieser Beitrag ging mir sehr ans Herz! Ich wünsche deinem Mann, dir und deiner Familie alles, alles Liebe! Haltet zusammen und bleibt stark!

    Euer Blog gefällt mir wirklich sehr und ich freue mich auf weitere Beiträge 🙂

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