Zum ersten Mal: Rauchen im Wohnzimmer

oder: Der richtige Dreh

Unsere Wohnung ist eine Nichtraucherzone. Strikt, aber nicht militant, und Ausnahmen gibt es eigentlich keine. Nicht viele unserer Besucher wollen eine rauchen, und wenn doch, dann tun sie das auf dem Balkon. Wenn man Pech hat, zieht ein bisschen Gras-Geruch von unserem Nachbarn herüber. Aber auf dem Balkon hätten wir wegen des Straßenlärms nicht drehen können, mein Bruder und ich. Und deshalb passierte neulich das Undenkbare: Jemand rauchte in unserem Wohnzimmer.

Zu meiner Entschuldigung möchte ich Folgendes vorbringen: Die Kinder waren nicht zuhause und es war für einen guten Zweck. Und wie sagt man so schön? Der Zweck heiligt die Mittel. Schließlich sollte sich mein Bruder wohlfühlen und sein Bestes geben können. Es ging um nichts Geringeres als Authentizität und eine Statistenrolle in Babylon Berlin. Außerdem hatte ich selbst ihn dort hineingedrängt. Wobei, drängen musste ich ihn eigentlich nicht. Ihm ist natürlich klar, dass er auch ohne Pomade im Haar aussieht wie ein Relikt aus den goldenen Zwanzigern. Ein Statist, der nicht extra zurechtgemacht werden muss. Jemand, der selbst Gereon Rath die Show stehlen könnte, auch ohne nervöses Flattern. Aber vielleicht denke ich das auch nur, weil ich heimlich Fan meines Bruders bin.

Wahrscheinlich hat es mit Corona zu tun, dass mögliche Statisten nicht mehr zu einem Massen-Casting eingeladen werden, sondern selbstgedrehte Filme einreichen müssen, wenn sie sich für eine Rolle bewerben. Wenn man allein lebt, ist es nicht leicht, so einen Film zu drehen – selbst mit Selfie-Stick nicht. Mein Bruder hat ohnehin keinen. Mein Bruder vor der Freiheitsstatue, auf dem Markusplatz, unter dem Eiffelturm? Eher nicht. Große Reisen kann er sich nicht leisten. Vielleicht eher: mein Bruder am Schlachtensee, wie er auf einem fadenscheinigen Handtuch sitzt. Da gibt es nichts für die Ewigkeit oder Follower festzuhalten. Er ist Buchhändler und verdient unverhältnismäßig wenig. Das hat mich schon immer betroffen gemacht. Aber – und das sage ich mit einer Mischung aus Stolz und Rührung: Wer so ist wie mein Bruder, der braucht keinen Selfie-Stick. Der muss sich nicht in Szene setzen. Nie.

Jetzt kann ich es nicht mehr kaschieren, nicht wahr? Dass ich meinen Bruder sehr bewundere. Das ist vielleicht ganz klassisch in der Konstellation „kleine Schwester, großer Bruder“. Aber es ist nicht nur das. Mein Bruder ist einfach ein guter Mensch. Sehr feinsinnig, sehr feingeistig, jemand, der eigentlich viel zu gut ist für diese Welt, vielleicht zu weich und sensibel. Der dennoch sein Möglichstes tut, in ihr zu bestehen. Der das Herz auf dem rechten Fleck trägt. Der mit Dämonen kämpft, so viel mehr noch als ich. Der sich dennoch nicht unterkriegen lässt. Dem ich es wünsche, am Set von Babylon Berlin entdeckt zu werden, um endlich zu verdienen, was er verdient.

Da saß er nun in unserem Wohnzimmer, mein Bruder, und sollte einen knallharten Berliner Geschäftsmann spielen. Weil bei Babylon Berlin ständig alle rauchen und mein Bruder auch ständig raucht, passte das Ganze wie die Faust aufs Auge. Schnapp, schnapp, schnapp macht sein Feuerzeug am Anfang der Szene, bevor die Flamme auflodert. Und dann beginnt er zu berlinern und macht das alles so gut und authentisch und das ganz ohne Schauspielunterricht, dass es einfach klappen MUSS mit der Rolle! Eins-fix-drei haben wir das Filmchen eingeschickt und eine Woche später flattert ihm doch tatsächlich eine Zusage ins Haus.

Vor kurzem hatte mein Bruder übrigens schon mal eine Statistenrolle bei Babylon Berlin ergattert, auch dafür hatten wir Videos aufgenommen, allerdings ohne Zigarette. Für den geplanten Dreh hatte er extra seine Schicht getauscht. Dann wurde der Dreh verschoben – und er tauschte nochmal. Als sein Termin auf den ursprünglichen Drehtag zurückverlegt wurde, musste er passen. Er hatte seiner Chefin damit nicht mehr kommen wollen, schließlich hatte sie ihm vorher alles möglich gemacht. Herrn Gereon Rath wäre das bestimmt nicht passiert, aber das ist eben der Unterschied zwischen Haupt- und Statistenrolle.

Als ich neulich auf unseren Balkon trat, um die Blumen zu gießen, entdeckte ich die Zigarette, die er bei uns geraucht hatte. Für einen guten Zweck. Im Wohnzimmer. Ich hatte keinen Aschenbecher gefunden, er hatte auf eine Untertasse aschen müssen und die Zigarette später in einen Blumenkasten gesteckt und nicht in den Müll geworfen. Das stand doch früher immer auf den grauen Mülltonnen: Keine heiße Asche einfüllen! Steht vielleicht auch heute noch da, aber ich gehe seit Jahrzehnten schon nicht mehr zum Müll, nur noch ganz ausnahmsweise. Ich ekle mich davor, Müll wegzuwerfen.

Die Zigarette steckte neben dem Lavendel und irgendwie musste ich bei ihrem Anblick schmunzeln. Vielleicht muss mein Bruder gar nicht am Set entdeckt werden und einen auf Kommissar machen. Vielleicht ist er glücklich mit seinem Leben, so wie es ist. Und nicht zuletzt: manchmal sind es auch die Statisten, die einen Film tragen.

1 Kommentar zu „Zum ersten Mal: Rauchen im Wohnzimmer“

  1. […] Jetzt scheint Rauchen irgendwie ziemlich aus der Mode gekommen zu sein, und ich habe dazu auf der Seite des Bundesministeriums für Gesundheit recherchiert. Seit den 1980er Jahren sind die Zahlen der erwachsenen Raucher leicht rückläufig. Bei Jugendlichen ist die Raucherquote in den vergangenen Jahren aber deutlich zurückgegangen: von 27,5 Prozent der 12-17-Jährigen im Jahr 2001 auf 6,6 Prozent im Jahr 2018!!! Ähnlich sieht es bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 aus: 2001 haben 44,5 Prozent geraucht, 2018 nur noch 24,8 Prozent. All das vielleicht auch deshalb, weil Rauchen nicht mehr omnipräsent und gesellschaftlich nicht mehr besonders gut gelitten ist: Die Raucher drängen sich auf zugigen Feuerleitern und unter käseglockenartigen Raucherinseln. Wer sich dorthin verirrt, ist nicht mehr cool, sondern einfach nur süchtig. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich jemand mit glimmender Zigarette bei Instagram oder WhatsApp zeigt. Ist mir zumindest noch nicht untergekommen. Mein Bruder vielleicht? Oder sonst irgendwer von Babylon Berlin? […]

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