Zum ersten Mal: Hank treffen

Elly macht gerne pinky-promises. Besonders mit Mimimi, weil man nie weiß, was man hingehalten bekommt. Mimimi, so berichtet er mir glucksend, hätte ihm diesmal doch tatsächlich den Daumen gegeben. Mimimi ist es ganz egal, dass man beim pinky-promise die beiden kleinen Finger (Englisch: pinkies) miteinander verhakt. Sie hält ihre kleinen Hände in die Luft und jodelt: Schau mal, ich habe so viele Finger. Herzlichen Glückwunsch, Schatz, sage ich, ganz toll. Stolz ihre Finger betrachtend watschelt sie ab in den Garten. Der Ire arbeitet heute von zuhause und als ich ihm von Mimimi’s Fingermagie erzählen will, bleibe ich perplex in der Tür stehen. Der Ire sitzt wie gewohnt in seinem Bürostuhl, an dem immer irgendwie ein bisschen getrocknete Banane klebt (typischer Haushalt mit Baby eben). Neben ihm allerdings sitzt noch jemand. Auf einem kleinen gelben IKEA-Stuhl hockt eine große, dünne Frau und wippt nervös mit einem Bein. Häh, sage ich. Hank ist wieder da, sagt der Ire mit dem Rücken zu mir gedreht. Hank Wer?, frage ich ziemlich entgeistert. Hank Vorhofflimmern, sagt die dünne Frau und zappelt derart nervig mit dem Bein, dass es mich am Arm juckt. Ach so, sage ich, wollt ihr einen Schokokeks? Nee, sagt der Ire, und wieso „ihr“? Doch, ja, sagt die Frau, aber nicht Schoko, sondern Kokos, nein, Vanillekipferl, aber mit wenig Zucker, Spekulatius gingen auch, Lebkuchen aber gar nicht, Makronen, oder doch Schoko, wenn es nichts anderes gibt, aber Happy Hippo mag ich eigentlich am liebsten. Ach so, sage ich lahm, ja, dann. Und schließe langsam die Bürotür. Wer hat da Schokokeks gesagt, brüllt es knapp neben meinem Knie, Mimimi hat das Wort selbst durch geschlossene Türen und Fenster gerochen. Schokokekse sind super, erklärt mir mein Kind selbstbewusst, dafür gibt es zweimal Daumen hoch. Sprach es und streckt mir energisch beide Mittelfinger entgegen. Himmel, sage ich und sehe dann Dark Vader vorbeischleichen, Vaderchen, rufe ich ihr nach, geh doch mal bei Papa im Büro vorbei und schau mal, ob da eine komische Frau auf Elly’s gelbem Stuhl sitzt. Dark Vader stört nämlich wahnsinnig gerne. Sie reißt die Bürotür auf und ich sehe den Iren erschrocken auf seinem Stuhl zusammenfahren. Nee, sagt sie, wie kommst du drauf, Mama? Ach nichts, sage ich, keine Ahnung.

Als ich abends zum Abendessen rufe, kommt der Ire aus seinem Büro. Und an seinem Lieblings-Ringelshirtzipfel hält sich Hank fest. Meine Familie ist allerhand Absonderlichkeiten von mir gewohnt, aber das kommt mir doch jetzt komisch vor. Wer will Pfannkuchen, versuche ich mich zu sortieren, denn offensichtlich findet sonst keiner das Auftreten von seltsamen Frauen in unserer Küche seltsam, es gibt Pfanne oder Ofen. Alle brüllen ihre Favoriten, das Baby versucht nach dem Apfelbrei-Glas zu angeln und Mimimi schmeißt ein Glas um, es ist eigentlich wie immer. Aber ich beobachte den Iren und Hank und sehe, dass sie ihn unablässig am T-Shirt zieht und leise mit ihm spricht. Irgendwann ist es dem Iren zu blöd, Ruhe, brüllt er. Alles ok, Papa, fragt Elly und guckt besorgt. For fuck sake, explodiert der Ire, immer dieser Lärm. Selbst Mimimi quetscht einen Betroffenheitsblick ins Gesicht und streckt die Hand aus. Dabei schmeißt sie allerdings auch noch Elly’s Glas um, das seinen Inhalt über Elly’s Pfannkuchen ergießt. Der Ire fasst sich an die Stirn. Ich aber habe fest Hank im Blick, die eng neben dem Iren sitzt. Unterm Tisch zappeln ihre Beine wie Vogelflügel.

Am nächsten Tag stehe ich an meinem Küchenausguck und schaue zu, wie die Kinder mit dem Iren Federball spielen. Alles wie immer, wenn da nicht Hank wäre, die wie ein umgedrehter Koala auf dem Rücken des Iren sitzen würde. Man sieht, dass er das ungewohnte Gewicht spürt und das Spiel kommt nicht in Schwung. Wenig später kommt Beanie entnervt ins Haus. Papa ist müde, erzählt er, das macht keinen Spaß mehr. Tut mir leid, Schatz, sage ich. Und sehe den Iren langsam den Garten hochkommen, Hank auf seinem Rücken ist eingeschlafen. Was hast Du eigentlich gemeint mit „Hank ist wieder da“, frage ich den Iren später. Vorhofflimmern, Krankheit, Attacke, Hank, ist doch egal, wie man den Mist nennt, erklärt er.

Nachts wälzt sich der Ire im Schlaf und ich greife fast schon automatisch nach seinem Handgelenk, um den Puls zu fühlen. Heh, sagt Hank mit nörgelnder Stimme, ich liege hier. Zwischen mir und dem Iren liegt Hank und hat sich meine rote Lieblingswolldecke bis an die spitze Nase hochgezogen. Hau ab, sage ich und dämpfe gleich darauf meine Stimme, denn sowohl der Ire als auch das Baby im Gitterbett werden unruhig. Piss off, zische ich und bin jetzt echt sauer, das ist mein Bett, mein Haus, mein Leben und ich kann es nicht ab, wenn man hier so Vogelfederbein-mäßig rumschleicht. Such dir ein eigenes Leben und versau das, hier ist kein Platz für dich. Ich bin jetzt auch hier, sagt Hank, gewöhn dich dran. Verschwinde, brülle ich jetzt echt sauer und fahre unsanft meinen Ellbogen aus. Was soll das, der Ire schrickt aus dem Schlaf hoch, von meinem Ellbogen in den Solar Plexus getroffen. Was soll das, brüllt das Baby, von mir aus dem Schlaf geholt. Bei ihr klingt das allerdings eher wie RäbääähhhhUuuuuuäääää. Ich mache mich im Bett ganz klein. Entschuldigung, sage ich in die dunkle Nacht. Schon gut, antwortet Hank, wir schlafen jetzt. Sie und der Ire drehen mir den Rücken zu. Hngh, macht das Baby, das seinen Lieblingsriesenschnulli gefunden hat.

Ich beschließe mit Master Yoda zu sprechen, wie oft, wenn ich mich nicht auskenne. Master Yoda ist die knapp einen Meter hohe Hausgeburtshebamme, bei der ich einen Tag in der Woche meine kümmerlichen Fähigkeiten trainiere. Bevor ich allerdings losfragen kann, werden wir zu einer Geburt gerufen. Heute bin ich nicht bei der Sache und muss an Hank und ihre Vogelflügelbeine denken. My asshole, brüllt die gebärende Frau im aufblasbaren Pool. That’s where they tend to come out, erklärt Master Yoda nüchtern und schafft diesen unfassbaren Spagat, mitfühlend zu klingen, ohne kitschig oder übergriffig zu sein. Ich fische mit meinem Netz nach den kleinen Kacke-Fischen, die überall lustig im Pool schwimmen. Master Yoda, flüstere ich, bei uns daheim wohnt jetzt Hank mit Beinen wie Vogelflügel und macht den Iren nervös – und nur ich kann sie sehen. Muss ich mir da irgendwie Sorgen machen? Hinsehen du musst, young Padawan, nicht nur Hank das Problem ist. Dann wendet sich Master Yoda wieder der planschenden und brüllenden Frau zu, die gerade Lindwurm-mäßig versucht, ihrem Mann den Arm abzureißen.

Am Wochenende ist Fußballmatch und als ich dem Iren sage, dass ein Schiedsrichter fehlt, hat er keine Lust. Ich stehe nur da rum und fühle mich müde. Oder noch schlimmer: Das Spiel geht los und ich komme nicht hinterher, weil Hank mal wieder vorbeikommt. Ja, sage ich, trotzdem, versuch es doch mal, denn Beanie würde sich so freuen. Also tritt der Ire tapfer an. Von Hank fehlt jede Spur. Ich schaue Beanie dabei zu, wie er zaubert und über den Platz fliegt. Und dem Iren, wie er voller Anmut eine Horde von zehnjährigen Jungs im Griff hat. Die Sonne scheint und als ich mich umdrehe und nach meinen anderen Kindern schaue, sehe ich Hank weit hinten unter einem Baum im Schatten sitzen. Ihren kleinen gelben Ikea-Stuhl hat sie nah am Stamm aufgestellt. Ich kann nicht anders und wandere zu ihr rüber. Hank liest The Economist als ich bei ihr ankomme. Hallo, sage ich. Was ist, fragt sie mich. Ich wollte nur fragen, was du hier drüben machst, antworte ich, du hängst doch auch sonst neuerdings immer bei uns rum. Was denn jetzt, motzt Hank, ohne aufzuschauen, wenn ich da bin, findet ihr mich ätzend und wenn ich wegbleibe, ist es auch nicht recht. Da hat sie recht, stelle ich fest. Also setze ich mich neben sie auf den Boden. Und gemeinsam schauen wir beim Fußball zu. Denn was könnten wir sonst auch schon machen.

2 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Hank treffen“

  1. Den „Gespenstern“ einen Namen geben- find ich gut! Danke für die „Flaschenpost“ und alles Gute.

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