Dialog: Über Kinder

SOPHIE: Wolltest du schon immer mehrere Kinder haben oder habt ihr einfach jedes Mal aufs Neue gedacht, dass da noch jemand fehlt? Hast du auch mehrere Geschwister? Ich bin mit einem Bruder aufgewachsen, mein Mann mit einer Schwester. Für uns war die Entscheidung für ein drittes Kind irgendwie besonders, wir kannten es selbst nicht aus unserer Kindheit. Und zumindest während der Schwangerschaft hat man mir oft das Gefühl gegeben, ein Alien zu sein: „War DAS geplant?“ / „Oh, ihr seid aber MUTIG.“ / „Ihr wolltet wohl unbedingt noch einen JUNGEN…“ Einfach ein drittes Kind zu wollen, schien nicht nachvollziehbar. Ich habe nie verstanden, wieso nicht.

EDDA: Ich bin Einzelkind, und zwar so ein echtes Einzelkind! Ich kann nicht teilen, nicht verlieren und wenn jemand versucht, was von meinem Teller „zu probieren“, muss ich mich kontrollieren, um nicht mit der Gabel zuzustechen. Bei mir hat nie jemand dran geglaubt, dass ich überhaupt Kinder kriegen würde, weil ich immer viel unterwegs war und null Bereitschaft gezeigt habe, mich irgendwo niederzulassen. Ich konnte nicht kochen, habe mich nicht dafür interessiert, genauso wenig wie fürs Putzen, Haushalten oder dafür, was ich nächste Woche so machen werde. Meine Kinder sind also echt vom Himmel gefallen, denn tatsächlich war an meiner Kinderschar wirklich nur wenig geplant. Der Ire ist eins von sechs Kindern, wollte aber selber nie eine große Familie, weil er die Nachteile von Großfamilien kennt. Es ist also tatsächlich einfach so passiert.

SOPHIE: Ich finde es gut, wenn die Dinge einfach so passieren. Irgendwie mag ich im Hinblick aufs Kinderkriegen die Worte „geplant“ und „ungeplant“ ohnehin nicht gern. Beim Kinderkriegen von Planung zu sprechen, erscheint mir absolut nicht demütig. Als ob man einfach ein Projekt startet – und neun Monate später ist das Baby da.

Hast du Jungs und Mädchen? Und falls du Jungs hast: Wie ist es so mit ihnen? Wie ist es, einen Sohn zu haben?

EDDA: Ich habe fünf Töchter und zwei Söhne. Meine beiden ältesten Töchter sind Zwillinge, aber mitten in der Schwangerschaft gestorben und dann still zur Welt gekommen.

Ich habe mich nie als Jungs-Mama gesehen, was komisch ist. Vielleicht, weil ich als Einzelkind eben nur meine Mädchen-Realität kannte. Und meine beiden Söhne sind total unterschiedlich: Mein Zehnjähriger ist so ein ganz sanfter, stiller, sehr sensibler Junge, den man gerne immer umarmen möchte, weil er so zerbrechlich ist. Zum Glück spielt er Fußball, denn da kommt er ein bisschen aus sich raus. Mein Sechsjähriger ist ein unwahrscheinlicher Draufgänger, der rumtobt und auf Bäume klettert. Zum Glück spielt er Fußball, denn da muss man auch mal schauen, was so links und rechts passiert. Allerdings hat mein Sechsjähriger eine große Vorliebe für Tüllröcke und Glitzerschmuck, was einen schönen Kontrast zu seinen ewig verfallenen Knien darstellt. Er hat es nicht leicht, denn sowohl seine große (8 Jahre) als auch seine kleine Schwester (4 Jahre) nehmen ihn ganz schön in die Zange. Die wissen nämlich ziemlich genau, wo es lang gehen soll. An seiner Stelle würde ich also auch randalieren. Zusammenfassend habe ich also sieben Kinder: meine Zwillinge wären jetzt 11, dann einen Sohn (10), eine Tochter (8), einen Sohn (6), eine Tochter (4) und eine Tochter (1.5). Alle meine ungeplanten Kinder sind zwischen 2 und 2.5 Jahren auseinander, was bedeutet, dass der Ire und ich seit 10 Jahren Popos wickeln. In unterschiedlichen Lebenssituationen, Standorten, Wohnungen – aber immer auf derselben Wickelkommode.

SOPHIE: Liebe Edda, jetzt muss ich ganz schön schlucken und erst einmal ein paar Tränen vergießen. Ich brauche mal kurz einen Moment.

EDDA: Das ist die schönste Reaktion, die ich mir vorstellen kann. Und das lasse ich einfach mal so stehen.

SOPHIE: Es berührt mich sehr, was du schreibst, und es tut mir leid, dass du diese Erfahrung gemacht hast. Denkst du oft an deine Mädchen, daran, wie sie wohl wären? Wie ging es dir während der nachfolgenden Schwangerschaften? Warst du ängstlich, dass euch so etwas noch einmal passieren könnte? Du wirkst wie jemand, der sehr zuversichtlich ist. Aber das kann ja auch täuschen. Wir kennen uns ja erst seit kurzem.

EDDA: Ja, ich hatte bei meiner Nachfolgeschwangerschaft große Angst und hätte das nicht geschafft, wenn ich nicht so eine tolle Hebamme gehabt hätte. Hebammen sind tatsächlich die großen Leuchttürme meiner letzten zehn Jahre und haben mir echt viel über das Leben und mich selbst beigebracht. Trauer ist schwere Arbeit – aber mittlerweile stehe ich am Grab meiner Mädchen beziehungsweise denke an sie, ohne, dass ich mit den Händen in der Erde graben muss, weil ich ihnen nicht so nah komme, wie ich gerne möchte. Sie gehören einfach zu mir, das tut manchmal weh und manchmal ist es einfach, weil ich der Mensch geworden bin, zu dem sie mich haben werden lassen.

SOPHIE: Und das lasse ich jetzt einfach mal so stehen.

Was würdest du sagen: Wer von deinen Kindern ist dir besonders ähnlich?

EDDA: Ich habe gerade meinen Mann gefragt, wer mir ähnlich ist und der hat behauptet, unsere vierjährige Tochter sei genauso wie ich. Das ist unverschämt, denn ausgerechnet diese Tochter ist eine große Nervensäge und eine echte Wildsau. Sie ist wahnsinnig bestimmt und bestimmend. Sie hat schon mal mit grünen Wachsmalstiften auf die Wand gemalt (ist uns erstaunlicherweise trotz aller Kinder jetzt zum allerersten Mal passiert!) und als ich sie angeblökt habe, hat sie mir aus ihren großen blauen Augen einen dermaßen entschlossenen Blick zugeworfen, dass ich mich erstmal vergewissern musste, ob sie nicht mit ihrem Blick ein Loch hinter mir in die Wand gelasert hat. Unglücklicherweise behaupten meine Eltern auch immer, dass Mimimi genau so sei wie ich als Kind. Und dann lachen sie gerne dreckig. Scheint also leider was dran zu sein. Wie ist das bei Dir? Ist eins Deiner Kinder so wie Du? Oder verteilt sich das?

SOPHIE: Oha! Wildsau mit Laserblick! Na, da bin ich ja mal gespannt, wie das mit uns so weitergeht.

Unsere Kleinste hat auch mal eine Wand bemalt, da waren wir im Urlaub und wirklich ganz ausnahmsweise mal in einem Hotel. Besser gesagt in einem Apartment, das zu einem Hotel gehörte. Unser Kleinste war anderthalb und hat sich einen Bleistift geschnappt und drauflosgemalt. Da bricht einem schon mal ein bisschen der Schweiß aus. Unser Radiergummi hat nicht ausgereicht, um alles wieder wegzuradieren, und wir mussten an der Rezeption nach einem neuen fragen.

Tja, und wer ist so wie ich? Ich beschreibe die drei einfach mal, vielleicht kannst du dir ja schon selbst ein Bild machen. Meine Mädchen sind 13, 11 und 8 Jahre alt. Meine Große ist ein ganz zartes Wesen, leise und lieb. Sie ist ausgesprochen klug und häuft ganz viel Wissen an. Ich glaube, bald weiß sie mehr als ich. Sie kommt in diesem Punkt eindeutig nach meinem Mann. Und außerdem ist sie jemand von der Sorte, der Verantwortung übernimmt und für andere sorgt und einsteht, obwohl sie schüchtern ist. Gerade diesen Gegensatz finde ich toll. Der Schüchternheit zum Trotz ein starkes Rückgrat haben.

Meine Mittlere ist wie ein Kätzchen: Sie kann ganz sanft sein, schnurren und einem um die Beine streichen, dass einem ganz warm ums Herz wird – und im nächsten Moment fährt sie ihre Krallen aus. Wir sagen immer: Wenn sie später mal mit jemandem zusammen ist, muss er oder sie sich ganz schön warm anziehen. Unter der manchmal rauen Schale steckt aber ein ganz ganz weicher Kern. Im vergangenen Herbst waren wir in einem Tierpark, der ehemaligen Zirkusbären ein neues und vor allem artgerechtes Zuhause bietet. Die Schicksale der Bären konnte man nachlesen und wir haben unsere Mittlere kaum mehr wegbekommen von dieser Tafel. Da habe ich mal wieder gemerkt: So etwas bewegt sie total. Sie hat ein ganz weiches Herz.

Und meine Kleine ist das typische Nesthäkchen: steht mit allen auf gutem Fuß, versprüht gute Laune, nimmt das Leben leicht, hat ab und zu cholerische Anfälle (ist halt ein Widder…), beruhigt sich aber sofort wieder. Sie duftet noch immer ein bisschen nach Baby, ich habe sie gern im Arm, und wenn sie weint, finde ich sie geradezu unwiderstehlich niedlich.

Ich bin nicht so klug wie meine Große, habe aber Rückgrat. Ich bin nicht so garstig wie unsere Mittlere, habe aber ein weiches Herz. Leider nehme ich das Leben nicht so leicht wie die Kleinste – und manchmal (aber wirklich nur manchmal!!!) habe ich cholerische Anfälle. Choleriker grüßt Wildsau!

EDDA: Wie ist das bei den Jüngsten? Bleiben die für immer Dein Baby? Ich mache mir da ja echte Sorgen. Denn ich habe ja seit zehn Jahren immer ein Baby. Und jetzt muss ich dann irgendwann in einem Jahr oder so die Wickelkommode abbauen. Und dann??? Ich habe echt gerne Babys um mich rum, das muss ich zugeben. Mein Baby läuft auf ihren Speckbeinen so lautstark durch die Welt und wenn ich sie rufe, dann hört man, wie sie sich irgendwo auf den Weg macht. Und dann kommt dieses unfassbar süße, speckige Baby – das ja eigentlich mehr schon ein Kleinkind ist – um die Ecke und strahlt mich an. Ich muss weinen, wenn ich darüber nachdenke, dass das nie wieder kommt. Wie Du auch, bin ich unfassbar gerne Mama und fühle mich total reich beschenkt, dass ich das siebenmal sein darf.

5 Kommentare zu „Dialog: Über Kinder“

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