Dialog: Über Kuchen

SOPHIE: Während der Corona-Pandemie habe ich zwei neue Hobbys angefangen: Joggen und Backen. Eine meiner Freundinnen hat einen Zusammenhang zwischen beiden konstruiert: Wer bäckt und den Kuchen genießt, müsste die überschüssigen Kalorien ja auch irgendwie wieder loswerden. Ich wünschte, ich könnte das weit von mir weisen, aber vielleicht hat sie recht.

EDDA: Was war denn der allererste Kuchen, den du gebacken hast? Und wurde der dann gleich was? Ich glaube übrigens nicht an dieses Abarbeiten von leckerem Essen. Essen soll lecker sein. Und Frauenkörper haben das Recht, schöngefunden zu werden: schwabblig genauso wie durchtrainiert. Und ich finde es wichtig, dass man selber und der eigene Körper Freunde sind – man hat ja nur den einen zur Verfügung.

SOPHIE: Auf die Gefahr hin, dass das jetzt angeberisch klingt: Meine Kuchen sind alle etwas geworden. Aber es gibt eine ganz einfache Erklärung dafür: Ich halte mich sklavisch ans Rezept (nur den Zucker reduziere ich). Und wenn dort steht, dass man die Eier einzeln und für jeweils eine Minute unterrühren muss, dann tue ich das eben. Auch, wenn sich mein Mann darüber lustig macht. Früher war er fürs Backen zuständig, jetzt mache ich ihm Konkurrenz. Ich backe alles von Apfelkuchen bis Zimtschnecken. Nein, das mit den Zimtschnecken war eine Lüge. Ich habe es nur wegen des Alphabets geschrieben. An Hefe habe ich mich noch nicht herangewagt und habe es auch nicht vor. Angeblich gelingt das nicht jedem.

Ich glaube, ich muss jetzt auch noch etwas zum Zusammenhang zwischen Kuchen und Laufen und zum Thema Frauenkörper sagen. Ich finde nämlich auch, dass alle Frauenkörper das Recht haben, schöngefunden zu werden. Und ich bin dafür, dass jede Frau für sich entscheiden soll, wann und wie sie sich mit sich selbst am wohlsten fühlt. Gerade, weil es um den eigenen Körper geht, ist das eine sehr individuelle Angelegenheit.

Ich war als Kind eher ein Pummelchen und habe dieses Körpergefühl nie wirklich abstreifen können und trage in meinen Augen auch jetzt ein paar Pfunde zu viel mit mir herum, mit denen ICH mich nicht wohlfühle. Und da hilft auch keine Anti-Bodyshaming-Kampagne. Also: mir zumindest nicht. Ich laufe übrigens nicht, um mich zu quälen und Kalorien loszuwerden, sondern weil es mir Spaß macht.

EDDA: Bin ich jetzt schon dran, um über meine lebenslange Liebe zum Backofen zu reden? Nein? Jetzt? Egal, ich erzähle einfach mal. Ich habe als Kind festgestellt, dass ich Rezepthefte und insbesondere Backbücher liebe. Wenn meine Mama zur Weihnachtszeit ihre ganzen Plätzchen-Rezepthefte rausgeholt hat, dann habe ich stundenlang in der Küche auf dem Holzfußboden Hefte angeschaut. Da konnte ich nicht mal lesen. Und als ich meine erste eigene Wohnung mit Backofen hatte (vorher habe ich ein paar Umwege über Studentenwohnungen mit Kitchenette und so gemacht), bin ich gestartet. In den ersten Jahren habe ich meine jährliche Begeisterung für Weihnachtsthemenhefte reaktiviert und nur Weihnachtskram gebacken. In wechselnden Backöfen und unter Zuhilfenahme meiner wechselnden Freunde. Dafür aber oft den ganzen Dezember lang.

Was mich zu Kuchen und so gebracht hat, war eine meiner Job-Stationen. Ich habe eine Zeit in München bei Random House gearbeitet und die verlegen Backbücher von Cynthia Barcomi. Wer die nicht kennt: sie hat ein Café in Berlin und schreibt eben Backbücher. Ich musste mich auf jeden Fall mit ihrem ersten Buch für meine Arbeit beschäftigen und dachte, dass ich ja einfach mal was ausprobieren kann. Und das war irgendwie mein Back-Erweckungserlebnis. Bei Hefeteigen spricht man auf Englisch von „proofing“, wenn man den Teig in Frieden lässt. Und irgendwie war das mein „proofing“, weil der Input aus dem Backbuch in mir gearbeitet hat und ich immer so Prozesse in mir brauche, bis aus mir was wird.

SOPHIE: Ich habe als Kind auch sehr gern Backbücher angeschaut – und Kochbücher! Das tue ich auch heute noch. Vor ein paar Monaten habe ich eine Website entdeckt, die ich total gern durchscrolle. Da finde ich immer wieder neue Rezepte, die ich dann ausprobiere. Ich habe ein paar Mal spektakuläre Cupcakes gebacken, zum Beispiel für meine Eltern. Die Woche darauf kam mein Mann mit Marmorkuchen daher und da sagte mein Vater, wie fantastisch der schmecken würde, er hätte noch nie etwas Besseres gegessen. Naja, jetzt übertreibe ich ein bisschen. Aber mein Mann kann machen, was er will – meine Eltern lieben ihn heiß und innig.

EDDA: Mein Mann sagt immer, deutsche Männer würden gerne backen. Denn er kenne eigentlich nur deutsche Männer, die sich an den Ofen stellen. Das hat vielleicht auch damit was zu tun, dass backen in Deutschland total viel Tradition hat, während zum Beispiel im Anglo-Raum Back-Zeug eigentlich immer aus dem Supermarkt kommt. Was sind denn spektakuläre Cupcakes? Bezieht sich das auf die Deko oder waren das Chili-Basilikum Muffins mit selbstausgebrüteter Vanille? Beschreib mal. Ich mache meinen Marmorkuchen übrigens immer mit Buttermilch und liebe das, weil der Kuchen so saftig und sehr wenig süß ist.

Wo war ich, genau: Und dann habe ich Cynthia Barcomis Backbuch einmal von vorne bis hinten durchgebacken und ihr nächstes Buch auch und das danach. Und währenddessen habe ich mir aus der Bibliothek Backbücher ausgeliehen und ausprobiert, aber festgestellt, dass mich viele Bücher irritieren, weil sie Techniken voraussetzen und nicht erklären, warum Sachen so gemacht werden. Und manchmal komme ich an Backbüchern vorbei und komme nicht klar, die Rezepte funktionieren nicht oder ich kriege doofe Ergebnisse. Das nervt mich dann. Ich liebe aber weiterhin Rezepthefte und lasse mir selbst nach Australien diese Hefte schicken, die es im Supermarkt an der Kasse gibt.

SOPHIE: Die Cupcakes haben durch ihr appetitliches Topping Aufsehen erregt. Innen drin war es ganz normaler Teig, denn sonst hätten meine Kinder nicht mitgegessen.

EDDA: Mögen deine Kinder kein ungewöhnliches Zeug in Kuchen? Oder ist das mehr so, dass die sich auf Muffins freuen und es komisch finden, wenn dann da Petersilien-Chili-Ganache drin wäre?

SOPHIE: Ich glaube, sogar die Muffins freuen sich, wenn sie ganz normal sein dürfen und nicht mit Petersilie gespickt sind. Muffins sind nämlich von Natur aus eher konservativ. Genauso wie meine Kinder. Die muss man manchmal über Jahre an neue Gerichte heranführen. Was sind denn deine Lieblingskuchen? Traust du dich an Hefe heran?

EDDA: Ich backe gerne mit Hefe und mag gerne Teige, die man mit den Händen kneten muss. Ich backe auch gerne Brot. Es war sehr spannend, denn in Australien ist während Corona die große Sauerteig-Starter-Welle ausgebrochen. Vielleicht, weil man nicht für frisches Brot aus dem Haus gehen konnte oder wollte. In jedem Fall stehen in meinem Kühlschrank jetzt auch zwei Sauerteig-Starter und ich fand das toll, weil man da Chemie verstehen muss und Temperaturen. Ich bin ein Kuchen-Nerd und finde so was spannend. Ich backe allerdings überhaupt nicht gerne Croissants oder Blätterteig insgesamt, weil mich die Teigfalterei nervt. Ich bin auch niemand, der stundenlang verziert oder so Patisserie-Sachen kann. Dafür fehlt mir die Zeit und wahrscheinlich auch die Geduld.

Was sind denn die Lieblingskuchen deiner Kinder? Wir sollten so einen Persönlichkeitstest für Backzeug entwickeln: Wenn man Rührkuchen liebt, ist man beständig und hat einen langen Atem. Wer Blätterteig mag, reist gerne und hat einen hochqualitativen Staubsauger…

SOPHIE: …wer Muffins mag, ist gesellig und meist gut gelaunt, hat aber Schwierigkeiten, sich zu entscheiden. Wer „Kalten Hund“ liebt, will nicht erwachsen werden und verdrängt den Klimawandel (Stichwort: Palmöl!). Der Käsekuchen-Liebhaber ist ein Tausendsassa und fühlt sich in Metropolen wohl, vor allem in New York. Der Tarte-Fan hält sich für etwas Besonderes und wird von allen Männern angehimmelt.

Ich mag es auch gern, Teig zu kneten. Oder mit meinen Fingern durch Mehl zu fahren. Und was mir noch so gut am Backen gefällt: Es führt relativ schnell zu einem Ergebnis und findet nicht am Computer statt.

Meine Große mag übrigens Zitronenkuchen gern, die Mittlere Mandarinen-Schmand-Kuchen und die Kleine kann sich nicht entscheiden. Und deine Kinder?

EDDA: Beanie mag gerne Streuselkuchen, Dark Vader liebt Avocadokuchen, Elly mag eigentlich am liebsten Brot oder Kuchen mit Rote Bete und Mimimi alles mit Schoko. Das Baby mag Lebkuchen in Ankerform, weil man den gut festhalten kann.

SOPHIE: Für Kinder sind da aber ein paar sehr exotische Kuchen dabei! Avocado und Rote Beete? So einen Kuchen müsste ich allein essen. Und ich frage mich gerade, ob ich Lust darauf hätte und wie viele Kilometer ich dann laufen müsste. Apropos: Läufst DU eigentlich?

EDDA: Ich mag gerne Sport: ich habe einen Hometrainer und schrubbe da meine Kilometer. Ich bin früher sehr gerne gelaufen, aber ich laufe nicht gerne allein im Dunkeln und seit ich Kinder habe, findet mein Sport sehr früh morgens statt. Da ist es immer dunkel. Ich mag aber auch gerne Übungen: planks, squats, lunges. Ich bewege mich überhaupt gerne und viel und bin sehr mies gelaunt, wenn ich keine Zeit für Sport habe. Ich habe lange Hochleistungssport gemacht und hatte nie sportfreie Phasen im Leben.

SOPHIE: Oh, Hochleistungssport? Erzähl‘ mal!

EDDA: Ich habe sehr lange gefochten. Degen, um genau zu sein. So richtig mit Maske, Waffe und weißem Anzug. Ich bin insgesamt ein ganz schlechter Teamsportler und nur für Einzelsportarten zu gebrauchen, was aber ganz bestimmt ein Thema für einen anderen Dialog ist.

Wenn Du ein Kuchen wärst, welche Sorte wärst Du? Ich wäre ein Sauerteigbrot, kein Kuchen. Zählt das auch?

SOPHIE: Sauerteigbrot? Das macht mir jetzt fast ein bisschen Angst und irgendwie geistert mir das Wort „sauertöpfisch“ im Hinterkopf herum, an das ich seit den 50er Jahren nicht mehr gedacht habe. Was um alles in der Welt hast du denn mit einem Sauerteigbrot gemeinsam?!

EDDA: Ich bin nicht süß. Tatsächlich ist süß das, was man am Allerwenigsten mit mir verbinden würde. Ich bin dafür sehr eigen, funktioniere nie nach Rezept – dafür aber meistens, wenn man mir viel Zeit gibt. Wie Sauerteig bin ich auch ziemlich widersprüchlich. Und ich bin genauso klar, wie ein Sauerteigbrot: Wasser, Mehl, Salz. Fertig. Kein Schnickschnack, keine Vanillepaste aus Madagaskar-Vanille. Ich könnte jetzt in die ganz große Brot-Poesie einsteigen, erspare Dir das aber lieber. Kannst Du damit was anfangen?

SOPHIE: Doch, ja, soweit schon. Ich bin ja gerade erst dabei, dich kennenzulernen. Deine Ausführungen zum Sauerteig und euren Gemeinsamkeiten machen dich ein Stück weit greifbarer für mich.

Ich denke, ich wäre ein Kuchen, der auf dem Kuchenbuffet etwas im Hintergrund steht, einer, bei dem nicht gleich alle denken: „Wow, wunderbar, den will ich unbedingt probieren.“ Wenn die anderen Kuchen alle aufgegessen wären, würde man auch mein Kuchen-Alter-Ego beachten und merken: „Der ist eigentlich auch ganz lecker. Schlicht, aber gut.“ Beim nächsten Kuchenbuffet hätten das dann aber alle wieder vergessen und würden sich unisono auf die Käsesahnetorte stürzen, in deren Schatten man mich platziert hätte.

EDDA: Macht dich das manchmal traurig? Das im Schatten stehen und aufs Entdeckt-Werden warten? Schreibst Du mir in einer anderen Flaschenpost was dazu?

SOPHIE: Ja, das mache ich. Ich habe auch schon einen Arbeitstitel: Über Komplexe.

Ich muss nochmal auf deine Sportkarriere zurückkommen: Fechten finde ich nämlich wirklich toll und ich dränge seit geraumer Zeit meine mittlere Tochter, dem Sport eine Chance zu geben.

EDDA: Fechten ist ein toller Sport, weil man mental und am ganzen Körper gefordert ist. Allerdings ist Fechten ein echter Turniersport und nimmt dann schon auch gerne die ganze Familie in Beschlag. Meine Mama ist mit mir jedes Wochenende kreuz und quer durch Deutschland zu Turnieren gefahren und ich habe in Höchstzeiten dreimal die Woche trainiert. Und der Sport ist echt auch teuer, wobei man sich am Anfang oft die Ausrüstung ausleihen kann. Vielleicht probiert sie es einfach mal aus? Ist sie eher ein Einzelsportler? Denn unter der Maske ist es oft ganz schön einsam und still.

SOPHIE: Sie ist eine Sportlerin durch und durch. Das hat mich schon immer beeindruckt. Alles, was sie in sportlicher Hinsicht anpackt, gelingt ihr. Ich glaube, dass ihr Mannschaftssport total guttun würde (Stichwort: sich auch mal etwas von anderen sagen lassen), aber bisher macht sie nur Einzelsport: Turnen, Reiten, Ballett. Früher ist sie gebouldert, da war sie erst fünf.

Wir müssen uns wirklich mal über Sport schreiben, denn mich lässt dein Satz nicht mehr los: „Unter der Maske ist es oft ganz schön einsam und still.“ Vielleicht müssen wir uns auch mal über Einsamkeit und Stille austauschen… Lass uns das für später vormerken.

Fällt dir noch etwas zum Thema Kuchen ein?

EDDA: Was ich am Backen total spannend finde, ist, dass 250 g Mehl, Eier, Zucker, Vanille und Butter nie dasselbe Ergebnis erzielen: jeder Ofen backt anders, in verschiedenen Ländern verhält sich das Mehl anders und die Eier haben unterschiedliche Normgrößen. Wenn ich ein identisches Rezept in Irland, Deutschland, Australien oder der Schweiz backe, dann sieht der Kuchen jedes Mal anders aus. Das fasziniert mich.

SOPHIE: Ich finde es faszinierend, dass aus dieser weichen Masse überhaupt etwas entsteht. Ich schaue auch total gern in den Ofen, während der Kuchen vor sich hin bäckt, hochsteigt, Blasen wirft, braun wird. Und wenn er fertig ist, trage ich ihn oft durch die ganze Wohnung und präsentiere ihn meiner Familie wie einen Pokal.

Nochmal zu unserem Kuchen-Profiling: Marmorkuchen-Liebhaber sind bodenständig, spielen gern Schach und können nicht verlieren (was ihnen auch erfreulicherweise nie passiert). Und wer sich für Streuselkuchen begeistert, hat oft Hautprobleme, braucht viel Zeit für sich und hat es gern warm. Wollen wir vielleicht sogar ein Computerprogramm entwickeln, das anhand der Kuchenvorliebe Persönlichkeitsprofile erstellt? Vielleicht bringt das eine Menge Geld! Vielleicht könnten damit Verbrechen gelöst werden. „Da, ich sehe ein paar Streusel neben dem aufgebrochenen Tresor! Ein Fall für Sophie und Edda!“ Wir könnten auf unserem Blog von den gelösten Fällen berichten. Cake Crime.

EDDA: Wer Donauwelle mag, hat immer Feuchttücher in der Handtasche. Und Käsesahne-Lover leben, als gebe es kein Morgen. Obstkuchen-Fans hingegen verschieben nichts auf den nächsten Tag.

SOPHIE: Sergeant Edda, der Fall kann zu den Akten. Stürzen wir uns auf den nächsten Dialog!

2 Kommentare zu „Dialog: Über Kuchen“

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