Zum ersten Mal: Ein Buch schreiben

oder: Ist das Kunst oder kann das weg?

Ich frage mich seit einiger Zeit: Wann ist ein Buch ein Buch? (Und als Kind der 80er habe ich dabei Herbert Grönemeyer mit „Männer“ im Ohr.) Ich habe nämlich eines geschrieben und ich weiß nicht, ob es als Buch zählt, wenn es nicht veröffentlicht wurde. Irgendwie scheint mir das eine wichtige Voraussetzung zu sein. Eine Raupe, die sich noch nicht verpuppt hat, würde ja auch niemand als Schmetterling bezeichnen. Oder hinkt der Vergleich?

Ich glaube, es klingt abgedroschen und wurde bestimmt schon hundertfach gesagt, aber ich wollte SCHON IMMER schreiben. Schon als Kind in den 80ern – mit und ohne Herbert Grönemeyer im Ohr. Ich habe klein angefangen, als ich klein war, und die Geschichte „Die Familie vom roten Stern mit den weißen Streifen“ geschrieben und sogar illustriert. Später dann habe ich ein Jugendbuch verfasst. Es ging um die erste Liebe zwischen Anika und Nelson, der am Ende des Buches wegzieht. Was sonst noch passiert, weiß ich schon gar nicht mehr, nur, dass Anika ein bisschen pummelig war (so wie ich). Ich habe die Geschichte per Hand in ein kleines Büchlein geschrieben und meinen Eltern zu Weihnachten im Jahr 1991 geschenkt, da war ich dreizehn Jahre alt.

Danach passierte lange Zeit nichts, also zumindest nichts, das literarisch erwähnenswert wäre. Leider bin ich nicht so ein krass-talentiertes Mega-Genie, das schon mit 18 seinen nationalen und internationalen Durchbruch zum Sound von knallenden Sektkorken feiern konnte und jetzt als heißer Anwärter auf den Literaturnobelpreis gilt. Weiter entfernt könnte ich nicht sein. Aber ich bemühe mich.

Seit fast zehn Jahren schreibe ich beruflich, und zwar für eine Zeitschrift, special interest würde ich sagen. Verbraucherjournalismus, um genau zu sein. Man könnte auch von „Service“ sprechen, aber das hört sich auch nicht viel besser an, oder? Wenig klangvolle Begriffe für eine an sich gute Sache. Nachdem ich den einen oder anderen Kindheitstraum bereits vor meiner Midlife-Crisis in die Tat umgesetzt hatte – Klavierunterricht nehmen, Reiten lernen –, kam auch wieder dieses Schriftsteller-Thema auf den Tisch.

Vor gut zwei Jahren habe ich mein erstes Kinderbuch beendet, vor ein paar Monaten mein erstes Jugendbuch. Und seither bin ich mit beiden im Bauchladen unterwegs und versuche sie anzupreisen, obwohl ich mich dazu nicht eigne. Ich kann das einfach nicht: mich anpreisen. Es liegt mir nicht. Ich bin schüchtern und zurückhaltend und deshalb kann ich wahrscheinlich bloß im Verbraucherjournalismus bestehen.

Ich träume von einer Veröffentlichung wie viele andere angehende Autoren auch. Der Weg dahin ist steinig und ermüdend und hat bisher immer wieder in einer Sackgasse geendet. Manche Menschen können daraus ja total viel ziehen. Sie stehen sofort auf, wenn sie fallen, oder besser noch: steigen auf wie ein Phönix aus der Asche. J.K. Rowling ist das ja gelungen. Ich mache auch immer weiter, aber ich merke, wie ich das ohnehin brüchige Selbstvertrauen verliere. Ich glaube, Literaturagenten machen sich gar keine Gedanken darüber, wenn sie einem absagen oder – frustrierender noch – sich gar nicht erst melden. Es fühlt sich noch viel schlimmer an als beispielsweise die tolle Berliner Altbauwohnung nicht zu bekommen: fünf Zimmer, zwei Bäder, Balkon. Und warum? Weil ich nicht schon als Kind in eine Altbauwohnung ziehen, aber ganz sicher und auf jeden Fall Schriftstellerin werden wollte.

Ich finde es schwierig, sich mit seinen Kindheits- oder Jugendträumen oder auch Erwachsenenträumen auseinanderzusetzen – und sie eventuell aufgeben zu müssen. Weil man nicht durch das Nadelöhr passt. Nicht etwa, weil ich ein bisschen pummelig bin wie die Protagonistin aus meinem allerersten Buch, sondern weil es wahrscheinlich einfach nicht reicht, was ich zu bieten habe. Ich frage mich seit geraumer Zeit also nicht nur, wann ein Buch ein Buch und damit mein Kindheitstraum vielleicht doch erfüllt ist, sondern auch: Ist das Kunst oder kann das weg? Vielleicht brauche ich jemanden, der mal Klartext mit mir redet, damit ich mich nicht länger einer Illusion hingebe. Dann hätte ich auch mehr Zeit, Klavier zu üben. Aber das tun die Agenten ja nicht, dafür ist keine Zeit. Und Zeit ist Geld, und darum geht es ja wahrscheinlich im Literaturbetrieb. Mir übrigens nicht. Wirklich nicht. Meine kleinen Brötchen verdiene ich mir ja als Verbraucherjournalistin. Und die schicke Berliner Altbauwohnung, für die ich mehr Geld gebrauchen könnte, bekomme ich ohnehin nicht.

Und warum wünsche ich mir das mit dem Schreiben dann so sehr? Das ist total leicht zu beantworten und ich tue es auf die Gefahr hin, wieder abgedroschen zu klingen. Ich möchte Menschen gern berühren. Oder vielleicht sogar helfen. Dass sie sich mit ihren Problemen nicht allein fühlen. Oder dass sie einfach Spaß haben und lachen und ihre Probleme vergessen können, falls sie überhaupt welche haben. Ich stelle es mir so unglaublich schön vor, wenn eine Mutter ihrem Kind abends aus einem Buch vorliest, das ich geschrieben habe, und ich auf bescheidene Weise und ganz entfernt zu dieser Szene im Kinderzimmer gehören darf.

Ja, darum schreibe ich noch immer – entgegen aller Widerstände und vielleicht auch entgegen aller Vernunft. Aus Herbert Grönemeyer ist schließlich auch etwas geworden, obwohl er kein begnadeter Sänger ist. Dennoch hat er einen Nerv getroffen. Vielleicht gelingt mir das auch irgendwann.

5 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Ein Buch schreiben“

  1. Hallo Sophie,

    ein ehemaliger Arbeitskollege hat mal einen langen Bericht über seine Radreise mit einem Freund auf Island geschrieben und selbst daraus ein Buch gemacht. Satz mit dem Programm LaTeX, Druck (mit Erlaubnis) auf dem Bürodrucker und Umschlagseite und Bindung bei einem Laden in Berlin. Self-Publishing also. Er hat sicher nicht mehr als 50 Exemplare verteilt, aber eins davon habe ich mit Freude gelesen und es steht jetzt in meinem Bücherregal.

    Vielleicht ist das auch eine Idee. 🙂

    Deine Träume musst du deshalb ja nicht aufgeben.

    Schönen Gruß
    Jonas

    1. Hallo Jonas,
      vielen Dank für deinen Tipp! Über Self-Publishing habe ich tatsächlich auch schon mal nachgedacht, die Idee aber für den Moment verworfen. Ich hätte nämlich total gern jemanden an meiner Seite, der die Texte nicht nur kritisch liest, sondern auch wirklich lektoriert. Ich glaube daran, dass die Arbeit an einem Text in den meisten Fällen sehr hilfreich ist und ihn verbessert. Und ein vernünftiges Lektorat gibt es leider nicht umsonst. Aber ich bleibe dran!
      Liebe Grüße, Sophie

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