Zum ersten Mal: Vom Pferd fallen

oder: Abenteurerin versus Hypochonderin

Es gibt Momente, die mir so vorkommen, als würden sie in Zeitlupe ablaufen. Alles wirkt gestochen scharf und fast ein bisschen überzeichnet und es fühlt sich an, als würde ich einen Augenblick aus mir selbst heraustreten, so als wäre ich nur Beobachterin dieser Szene und nicht etwa Protagonistin des Unglücks. Denn es sind vor allem Unglücksmomente, die so etwas in mir auslösen. Ich frage mich, ob es damit zu tun hat, dass Adrenalin ausgeschüttet wird oder irgendein anderes Stresshormon. Mag mir das jemand mal bei Gelegenheit erklären? Wer mich kennt, wird sich vielleicht vorstellen können, dass ich solche Augenblicke HASSE. Klar, Unglücksmomente sind natürlich eh nicht schön. Aber dieses „Aus-mir-Heraustreten“ finde ich maximal unangenehm.

Neulich war ich mal wieder in so einen Moment verwickelt. Ich saß auf einem Pferd, das ich sehr mag, und ich sollte galoppieren. Ich weiß nicht, ob ich auch galoppieren WOLLTE. Ein Teil von mir wahrscheinlich schon (die Abenteurerin), ein anderer nicht (die hypochondrische Zwangsneurotikerin). Aber das hat nichts zu sagen, darauf kann ich keine Rücksicht nehmen, denn sonst wäre ich die ganze Zeit blockiert. Ein Anteil meiner Persönlichkeit muss dann einfach die Regie übernehmen. Das tat für einen Augenblick die Abenteurerin, die hypochondrische Zwangsneurotikerin stürzte ein paar Galoppsprünge später vom Pferd. Es heißt übrigens Ismael und ist ein Noriker und ich reite ihn gern auf dem besten Reiterhof, den ich kenne. Ich weiß nicht, ob ich den Namen des Hofes nennen darf oder ob ich den Beitrag dann als Werbung kennzeichnen muss und ob ich damit jemanden influence oder so. Deshalb schreibe ich den Namen nicht und denke ihn mir nur. Ich saß also auf diesem Pferd, galoppierte (so ziemlich das erste Mal in meinem Leben und vielleicht auch das letzte) und war einen kurzen Moment lang sehr froh – und dann merkte ich, dass ich mit jedem Galoppsprung des Pferdes immer weiter nach rechts rutschte, mein Gleichgewicht nicht halten konnte und – nun ja, ich kann es nicht beschönigen – hinunterfiel. Diese ganze Szene sah ich in Zeitlupe von außen. Vielleicht war es die Zwangsneurotikerin, die der Abenteurerin zuschaute und alles mit den Worten kommentierte: „Siehst du, ich habe es dir doch gesagt.“

Ich fiel auf meinen Oberarm und die Hüfte und kam schließlich auch mit meinem Kopf auf. Das war ganz schlecht. Mögliche Kopfverletzungen sind ganz schlecht. Ich hatte natürlich (!) einen Helm auf, aber dennoch – vielleicht ein altes Kindheitstrauma: Gehirnerschütterung im Alter von etwa vier Jahren – habe ich mich sofort total um meinen Kopf gesorgt. (Ich erinnere mich sehr dunkel daran, wie mich meine Mutter vom Kindergarten abholte, nachdem ich mich angeblich hinter einem Schrank übergeben hatte, um niemandem Umstände zu machen, und an irgendwelche Elektroden, die mir damals auf den Kopf gesetzt wurden.) Ich rappelte mich hoch und blieb erst mal etwas benommen auf dem Boden sitzen. Nicht der Sturz auf den Kopf hatte mich benommen gemacht, sondern die Stresshormone. Ich habe sogar ein bisschen gezittert.

An diesem Wochenende waren wir zu siebt auf dem Reiterhof: eine Freundin mit ihren beiden Töchtern, meine drei Mädels und ich. Zu allem Überfluss waren meine größte Tochter und die zwei Töchter der Freundin in derselben Reitstunde und hatten den Sturz mit angesehen. Er steckte also nicht nur mir in den Knochen, sondern auch ihnen. Das hat mir für alle Beteiligten ein bisschen leidgetan.

Während ich am Boden saß, auf schwarzen Teppichschnipseln übrigens, butterweich und federnd, schossen mir zwei Gedanken durch den behelmten Kopf. Erstens: was wäre, wenn ich heute Nacht in meinem Reiterhofzimmer an einer Gehirnblutung sterbe? Zweitens: um 18 Uhr bin ich mit einer Rechtsanwältin für ein Interview verabredet, das ich für die Arbeit führen muss – was ist, wenn ich es nicht schaffe, weil ich vielleicht ins Krankenhaus gefahren werden muss? Wenn ich das jetzt schreibe, muss ich sogar selbst ein bisschen darüber lachen. Gleichzeitig macht es mich aber auch betreten, dass ich immer so viele Ängste mit mir herumschleppe. Nach dem Sturz war ich wirklich maximal besorgt. Um mich, aber noch mehr um meine Töchter. Ich möchte nicht, dass sie in ein schreckliches Ereignis verwickelt werden. Die ersten Worte, die ich an die Reitlehrerin richtete, waren: „Ist es möglich, im Notfall einen Arzt zu sehen?“ Am liebsten wäre ich gleich ins MRT geschoben worden, einfach nur um sicherzugehen, kein Scherz!

Es ist vielleicht kaum zu glauben, aber ich bin dann wirklich nochmal aufs Pferd gestiegen, ein paar Minuten nach dem Sturz. Ich weiß, dass man das machen soll. Und ich denke, dass es seine Berechtigung hat. Nur keine Angst aufkommen lassen, also in meinem Fall: nicht noch mehr Angst. Ich bin ein paar Runden im Schritt geritten, mit dem Cocktail aus Stresshormonen im Blut, und fühlte mich wie unter Drogen. In solchen Momenten brauche ich immer ein bisschen, um mich wieder runterzuregulieren.

Ich fahre übrigens gern mit Menschen in den Urlaub, die eine wie auch immer geartete medizinische Ausbildung genossen haben. Auf einigen unserer Reisen war zum Beispiel ein befreundeter Neurologe dabei, das ist neben der Kardiologie und der Notfallmedizin meine Lieblingsdisziplin. Damit will ich nicht sagen, dass ich mir meine Freunde danach aussuche, aber wenn es sich ergibt – wunderbar! Die Freundin, die auf dem Reiterhof mit dabei war, hat ursprünglich Krankenschwester gelernt und konnte auf meinen Wunsch hin gleich ein paar neurologische Tests mit mir durchführen. Mit geschlossenen Augen an die Nase fassen, Tip-Top-Schritte machen, den Pupillenreflex untersuchen. Das hat mir total geholfen. Auf unserem Zimmer habe ich dann trotzdem zu Schädel-Hirn-Traumen gegoogelt. Mir war die Schauspielerin Natasha Richardson eingefallen, die vor ein paar Jahren nach einem Skiunfall an einer Hirnblutung gestorben ist. Eine meiner Suchanfragen lautete: Natasha Richardson helmet. Die Recherche ergab: Sie trug keinen. Auch das hat mich ein bisschen beruhigt. Jedenfalls war ich wieder so weit hergestellt, dass ich das Telefonat mit der Rechtsanwältin führen konnte.

Am nächsten Tag hatten wir nochmal zwei Reitstunden. Die ersten paar Minuten im Sattel waren die längsten meines Lebens, naja, jetzt übertreibe ich ein bisschen. Aber ich habe mich schon gefragt, was ich da oben eigentlich will. Aber die Abenteurerin hat nur abgewinkt. „Lass mich nur machen“, hat sie der Zwangsneurotikerin zugeflüstert. „Du kannst ja solange Tischtennis spielen gehen.“ Dabei hat wahrscheinlich noch nie jemand ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. Vielleicht sollte ich umsatteln – oder zumindest ein Teil von mir.

PS Als Kind bin ich übrigens auch schon mal vom Pferd gefallen, bei einem einmaligen Aufenthalt auf dem Reiterhof. Aber das kommt mir vor wie in einem anderen Leben.

2 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Vom Pferd fallen“

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