Dialog: Für Albus

oder: Von der Pflege magischer Geschöpfe

EDDA: “After all, to the well-organized mind, death is but the next great adventure” ist wahrscheinlich das Zitat aus Harry Potter, das uns am meisten und längsten beschäftigt hat. Wir werden bei uns nicht müde, über Hogwarts, seine Bewohner sowie alles zu sprechen, was drumherum kreucht, fleucht und fliegt. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass wir vor 4-5 Jahren in das Potterversum eingestiegen sind und sehr wahrscheinlich auch in den nächsten zehn Jahren nicht aussteigen. Denn bei uns rückt ja immer wieder einer nach, der zuerst vorgelesen haben möchte, dann die Hörbücher hört und dann selber liest. 

SOPHIE: Hast du Harry Potter schon damals gelesen, als die Bücher auf den Markt gekommen sind, oder bist du erst über deine Kinder in den Genuss gekommen? Ich vermute Ersteres – an Harry Potter kommt ja eigentlich seit mehr als 20 Jahren niemand wirklich vorbei. Obwohl: ich kenne sogar Leute, bei denen der Funke nicht übergesprungen ist.  

Ich hatte lange Zeit ein Bild meines Mannes im Portemonnaie von einer unserer ersten gemeinsamen Reisen (im Jahr 2000 nach Ägypten). Er sitzt auf dem Bett im Hotelzimmer und liest „Harry Potter und der Stein der Weisen“ auf Englisch. Man kann schon sagen, dass wir die Bücher damals verschlungen haben. Allerdings gehörten wir nicht zu denen, die sich im Buchgeschäft im Harry- oder Herminekostüm auf die jeweiligen Neuerscheinungen gestürzt haben. Dafür waren wir dann doch ein bisschen zu alt. 

EDDA: Ich habe schon während der Schulzeit immer mal in einer Kinderbuchhandlung gearbeitet. Und die haben damals eine Lesung veranstaltet von einem Buch, das sie super fanden und dem sie eine größere Leserschaft gewünscht haben. Als Aushilfe war ich Teil der Lesungsorganisation und habe damals den Einlass vor Lesungsbeginn gemacht. Das Buch: Harry Potter und der Stein der Weisen. J.K. Rowling hat gemeinsam mit Rufus Beck in einem kleinen Raum in Frankfurt gelesen. Vor ungefähr 50 Leuten. Meine Mama kam mit und hat sich die ersten drei Bücher, die waren damals schon erschienen, von beiden signieren lassen. Davon erzählt sie bis heute. Meine Mama hat auch meinen Kindern die große Liebe zu Hogwarts weitergegeben, glaube ich.

SOPHIE: Lustig, bei uns ist es auch meine Mutter, die vielleicht sogar der größte Harry-Potter-Fan von uns ist. Sie hat alle Bücher schon mehrmals gelesen und kennt natürlich auch die Filme. Im November 2018 waren meine Mutter, meine größte Tochter (sie war damals gerade 11 Jahre alt geworden) und ich zusammen in der Harry-Potter-Ausstellung, wo man zum Beispiel auf Hagrids Sessel sitzen, Alraunen umtopfen und Kostüme und allerhand weitere Requisiten aus den Filmen anschauen konnte – das war wirklich toll!

EDDA: Wir haben uns beim Abendessen die Frage gestellt, wer von uns welche Figur ist (und zwar Selbsteinschätzung – nicht Fremdmeinung) und in welches Hogwarts-Haus uns der sprechende Hut gesteckt hätte. Hier ist die Liste:

Elly: Hagrid / Hufflepuff

Dark Vader: Luna Lovegood / Ravenclaw

Beanie: Fred oder George / Ravenclaw

Mimimi: Fluffy / Gryffindor (wobei Beanie fand, sie sollte besser die Maulende Myrte sein)

Das Baby: Buckbeak bzw. Seidenschnabel in der deutschen Übersetzung / Gryffindor

Oma: Hedwig / Ravenclaw

Der Ire: Hermione Granger (ein Lichtblick der Selbsterkenntnis) / Hufflepuff 

Der Bretone (Patenonkel von Beanie und bester Familienfreund): Severus Snape / Gryffindor

Edda: Sirius Black / Ravenclaw

Wenn ich das hier so abtippe, kann man gar nicht ermessen, unter welchem martialischen Lärmpegel diese Liste entstanden ist. Da wurde gebrüllt, geheult, beleidigt weggerannt, mehrere Gläser umgeschmissen und das Baby hat sich stoisch sein Abendessen in die Windel gestopft … wahrscheinlich für schlechte Zeiten. Es gibt von Campino dieses legendäre Zitat, dass Familien mit vielen Kindern die letzte Bastion des Punkrock seien. Das möchte ich hiermit bekräftigen. Bei uns war gestern echt Saalschlacht.

SOPHIE: Mich würden auch die Fremdmeinungen interessieren. Du weißt ja, dass ich finde, dass es das Bild einer Person durchaus komplettieren kann… 

EDDA: Ich habe Dein Anliegen vorgetragen, leider wurde es abgelehnt, sich gegenseitig einzuschätzen. Ich kann Dir leider also nur anbieten, die Kinder einzuordnen. Bei meiner Mama und dem Iren gibt es allerdings nichts mehr hinzuzufügen. 

SOPHIE: Wir haben uns auch mit der Frage befasst und sind zu folgenden Ergebnissen gekommen: Meine Kleinste hat gerufen „Ich bin Dobby und in gar keinem Haus.“ Und dabei die Stimme von Rufus Beck imitiert, die er Dobby in der deutschen Hörbuchfassung verleiht. Die läuft bei uns seit Monaten mehr oder weniger ununterbrochen in der heavy rotation. Meine Mittlere hat Harry Potter weder gelesen noch gehört und kennt sich eher rudimentär aus. Sie möchte sich nicht auf eine Person festlegen, wäre aber auf jeden Fall in Gryffindor. Meine Älteste hat alle Bücher gelesen, als sie neun Jahre alt war. Sie gehört zu denen, die sich nur ungern selbst einschätzen. Das erinnere sie an die Schule, sagt sie. Irgendwann hatten wir sie so weit, dass wir den Namen Hermine aus ihr herauspressen konnten. Dementsprechend wäre sie in Gryffindor. Ravenclaw wäre auch okay, sagt sie. Mein Mann sieht sich als Mr Weasley und erklärte dazu, dass er mit seinem Beamtengehalt die vielen Kinder mehr schlecht als recht versorgen würde. (Ich finde, so viele Kinder haben wir gar nicht…) Und ich sehe mich in aller Bescheidenheit als Dumbledore. 

Deine Liste hat bei mir übrigens einige Fragen aufgeworfen. Erstens: Ist das Baby schon so groß, dass es sich selbst einschätzen und als Seidenschnabel bezeichnen kann? Zweitens: Ist der Ire blitzgescheit und strebsam, dabei aber mit allen Wassern gewaschen? Und drittens: Wie kommt Mimimi ausgerechnet auf FLUFFY?! Ist das nicht dieser dreiköpfige Monsterhund?! Was ist da bei euch los? 

EDDA: Mimimi hat einfach gesagt, sie sei Fluffy. Es gab da kein Zögern. Wenn man ihr Temperament kennt, ist das auch keine schlechte Wahl. Das Baby wurde von uns fremdbestimmt. Wir wollten ihr keine Person auferlegen, weil sie noch so klein ist. Und Seidenschnabel ist genauso fluffig und wild und ursprünglich wie das Baby. Der Ire hat echt den Nagel auf den Kopf getroffen. Wahnsinn – ich wäre da nie draufgekommen, aber er hat vollkommen recht. Er ist unwahrscheinlich klug, sehr belesen und ehrgeizig und brutal nervtötend. Alles drin!

SOPHIE: Weißt du was? Manchmal denke ich, dass ich euch alle wirklich gern mal kennenlernen würde. Ich frage mich nämlich, ob man es schaffen kann, sich ausschließlich per Flaschenpost ein Bild von einer anderen Person zu machen – oder ob man da nicht vielleicht manchmal auf einen falschen Kurs gerät.

Ich finde ja übrigens, dass Hermine ein durch und durch positiver Charakter ist, auch wenn sie eine Streberin ist. In meinen Augen ist nicht Schlechtes daran, wissbegierig und ehrgeizig zu sein. Im entscheidenden Augenblick hat diese Art Harry immer irgendwie den Kopf gerettet.  

EDDA: Sind die Verfilmungen bei euch ein Thema? Dürfen die Kinder schauen?

SOPHIE: Wir sind da ziemlich streng. Die beiden Großen haben die Teile eins bis vier geschaut, aber da waren beide alt genug dafür, also beim ersten Film bestimmt älter als acht, bei den Filmen zwei bis vier mindestens zehn Jahre alt. Unsere Kleine hat Teil eins und erst sehr viel später Teil zwei gesehen. Aber auch bei Teil eins habe ich die Kinder dazu aufgefordert, sich bei der Szene die Augen zuzuhalten, in der Voldemorts Gesicht auf Professor Quirrells Hinterkopf erscheint. Ich finde, das ist nichts für Kinder ab sechs Jahren. Und auch für ältere nicht. Manchmal kann ich die Altersangaben der FSK nicht nachvollziehen. Ich bin jemand, der Bilder nicht gut wieder loswird und schließe in dem Punkt vielleicht zu sehr von mir auf andere. 

Wie ist das bei euch?

EDDA: Die großen Kinder (also Ü7) dürfen gerade mit Oma Teil 4 schauen und haben vorher schon die ersten drei Filme mit dem Iren gesehen. Die Kleinen dürfen nicht. Kinder dürfen bei uns nur einen Film schauen, wenn ein Erwachsener dabei ist. Damit sind wir immer gut gefahren. Und wir lesen vorher über den Film und überlegen, ob die Kinder das sehen dürfen. Grundsätzlich sind wir keine großen TV-Fans und ziemlich restriktiv, was aber bisher immer für die Kinder ok war. 

SOPHIE: Wir sind auch keine großen Fernseh-Fans, aber auch nicht strikt dagegen. Wir haben seit Corona ein Ritual: Freitagabend schauen wir alle zu fünft einen Film, den sogenannten Freitagsfilm. Dann sitzen wir zusammen auf dem Sofa und einem Sessel vor dem Fernseher und essen Popcorn und/oder Chips. Dabei geht es eigentlich nur in zweiter Linie um den Film. Ich glaube, noch mehr Spaß macht uns diese ritualisierte Gemeinsamkeit. 

EDDA: Können wir über Dumbledore’s Tod sprechen? Ich konnte den Kindern diese Szene im Buch nicht vorlesen. Ich konnte das nicht. Und habe befürchtet, sie wären genauso tieftraurig wie ich bei der ersten Lektüre. Denn ich habe damals das Buch weggelegt und geschworen, ich würde es nicht fertiglesen. Ich habe keinen Tod einer fiktiven Figur mehr betrauert. Nie. Albus Dumbledore ist für mich in all den Jahren fast so was wie ein innerer Leitfaden geworden, was ich tun soll – wenn ich das sonst nicht gewusst hätte. Ich frage mich dann oft, was wohl jemand wie Albus Dumbledore tun würde – und finde dann meistens wieder meinen Weg. Witzigerweise waren meine Kinder dann nicht bestürzt, sondern eher still. Und haben dann lange mit uns über das Zitat gesprochen, das ich eingangs abgetippt habe. 

SOPHIE: Das überrascht mich. Nicht, dass du Dumbledores Tod betrauert hast. Aber ich wundere mich, dass du einen inneren Albus-Dumbledore-Leitfaden hast. Du fragst dich wirklich manchmal, was er tun würde? Welche Situationen sind das? 

EDDA: Es gibt zwei Konzepte, die mich bei Dumbledore sehr inspirieren und blöderweise finde ich keine gute deutsche Übersetzung. Zum einen mag ich diese Einstellung zum gegenwärtigen Sein: „be with what is“ würde man auf Englisch sagen. Gerade im Umgang mit Kindern neigen Große mit mir eingeschlossen ja so ein bißchen dazu, im Kopf schon ein Stück weiter zu sein. Oder zwei Schritte hinterher. Ich finde es wichtig, im Umgang mit meinen Kindern den Moment zu umarmen. Weil Stress ja immer dann entsteht, wenn man den Moment verlässt. Und das andere ist ein Konzept, das ich im Studium als Hebamme lernen musste und erstaunlich schwer umzusetzen finde: „hold somebody’s space“. Ich mag das Wort Erziehung überhaupt nicht. Weil mir da zu viel „ziehen“ drinsteckt. Albus Dumbledore würde nicht an Menschen ziehen, sondern ihnen den Platz einräumen, in sich selber reinzuwachsen. Denn als Eltern sind wir ja nicht die Könige unserer Kinder, wir bestimmen nicht, welche Menschen sie werden. Sondern sie sind diese Menschen ja schon, sind in sich ihr eigener perfekter Mikrokosmos und müssen sich eben nur manchmal in sich selber zurechtfinden und lernen, die Welt zu navigieren. Wir sind die Zeitzeugen unserer Kinder und räumen uns oft zuviel Macht und Bedeutung in ihrem Leben und ihrer Entwicklung ein. Macht das Sinn?

SOPHIE: Ja, für mich tut es das. Ich sehe es auch so. Ich musste bei deinen Worten sofort an die recht berühmten Zeilen des Malers und Dichters Khalil Gibran denken, die er über Kinder verfasst hat. Die hingen während meiner Kindheit und Jugend lange Zeit bei meinen Eltern zuhause an der Wohnzimmertür: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken…“ Es war die Maxime meiner Eltern, denke ich. Ich finde, sie haben ihre Sache gut gemacht.

Ich würde gern noch mal auf ein anderes Zitat zu sprechen kommen, nämlich auf das, mit dem du diesen Dialog begonnen hast. Was sagst du dazu? Ist da etwas dran für dich? Der Tod als nächstes großes Abenteuer? (Du hattest Harry Potter als eher seichtes Dialog-Thema vorgeschlagen und jetzt kommt du mit den großen Fragen des Lebens um die Ecke…?!)

EDDA: Ich glaube, das sprengt den Rahmen. Aber durch die Arbeit mit Hebammen habe ich den Tod anders kennengelernt. Weil er in der Geburtshilfe oft sehr nah neben einem steht. Es kommt nicht von ungefähr, dass, wenn Frauen während einer Geburt sagen, dass sie nicht mehr können, es nicht mehr aushalten, die Schmerzen so sind, dass sie sterben möchten – dass man als Hebamme dann weiß, dass das Kind nah ist. In unserer Gesellschaft sind wir es so gewöhnt, dass man Schmerzen wegmedikamentalisieren kann und Krankheiten behandelt werden. Keiner will altern, keiner will sterben. Dabei gibt es Kreisläufe im Leben, die zu uns gehören, die uns zu Menschen machen. Darin liegt Schönheit, finde ich.

SOPHIE: Ich habe diese Zeilen ein paar Mal gelesen, bevor ich jetzt antworte. Ich merke, dass sie mich berühren. Ich merke, dass es ein weites Feld ist und mir ganz viel dazu durch den Kopf geht, zu viel, um es jetzt hier aufzuschreiben. Daher lasse ich deine Worte einfach mal so stehen. 

Ich reiße jetzt das Themenruder mal ganz waghalsig herum, weil ich gern noch etwas zu dem Faszinosum Harry Potter sagen wollte. Mich interessiert das nämlich auch auf dieser Möchtegern-Schriftsteller-Ebene. Ich finde es wirklich bewundernswert, was J.K. Rowling da gelungen ist, und ihren Werdegang total spannend. Es ist eine Schriftsteller-Karriere, die Mut macht. Also mir zumindest. Dass sich zuerst nicht alle um sie gerissen haben und sie einige Absagen kassiert hat und so. 

EDDA: Das kann einem auch Mut machen, finde ich. Gib also nicht auf!!!! 

1 Kommentar zu „Dialog: Für Albus“

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