Zum ersten Mal: Zahnarzttermin vergessen

oder: Ist es schon Wahnsinn oder noch Mental Load?

von Sophie

Gerade habe ich die neue Ed-Sheeran-CD aus dem Regal geholt, auf dem unsere Stereoanlage steht, und dabei einen Füller entdeckt, der zu dieser Zeit lieber in der Schule sein sollte. Ich habe mich gefragt, ob er schwänzt oder einfach nur verschlafen hat. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er in die neunte Klasse geht, sein Fehlen ist bestimmt unangenehm aufgefallen. Vielleicht hätte ich ihn früher bemerken und in die Federtasche meiner ältesten Tochter stecken sollen – so wie ich es diese Woche am besten mit dem Klebestift meiner Jüngsten getan hätte. Stattdessen stand in ihrem Hausaufgabenheft: Kleber fehlt! Und das Kürzel ihrer Lehrerin. Die Buchstaben in anklagendem Rot.

Es gab eine längere Zeit – etwa zehn Jahre, vielleicht auch länger – in der ich nicht mit Rotstift angeschrieben wurde. Wenn ich gewusst hätte, dass es irgendwann wieder dazu kommt, hätte ich die Phase mehr genossen.  

Diese Woche hat meine Jüngste eine Sachkunde-Hausaufgabe vergessen, was mir ebenfalls in Rot mitgeteilt wurde. Die roten Lehrerin-Kürzel muss ich unterschreiben, beim Kleber habe ich das Heft meinem Mann hinübergeschoben, ich konnte nicht mehr. Ich überlege, ob ich für diese Aufgabe eine Sekretärin anstelle, denn ich habe dringend Hilfe nötig. Die Diagnose lautet: Mental Load. Und sie beschreibt meinen geistigen Zustand sehr gut. Das Internet schreibt dazu auf Wikipedia: „Mental Load bezeichnet im deutschen Sprachraum vorrangig die Belastung, die durch das Organisieren von Alltagsaufgaben entsteht, die gemeinhin als nicht der Rede wert erachtet werden und somit weitgehend unsichtbar sind.“

Als ich heute Morgen etwas in unseren Familien-Terminkalender eintragen wollte, fiel mir mit einem kaum zu unterdrückenden Schrei des Entsetzens auf, dass meine älteste Tochter einen Zahnarzttermin versäumt hat, der vor zwei Tagen hätte stattfinden sollen. Ich glaube, es ist mir noch nie passiert, dass ich einen Zahnarzttermin verpasst habe. Also, ICH habe ihn ja nicht verpasst, aber es fühlt sich so an. ICH habe meine Älteste nicht daran erinnert, deshalb hat SIE ihn verpasst. Eine Verkettung unglücklicher Umstände, die dazu führte, dass ich völlig zerknirscht beim Zahnarzt angerufen und mich vielmals entschuldigt habe. (Die Kinder sind privat versichert, hoffentlich wird uns der Termin nicht in Rechnung gestellt.)

Ich möchte jetzt gar nicht diese Wehklage anstimmen, dass sämtlich Frauen für die Termine ihrer Familienmitglieder zuständig sind. Aber bei uns ist das schon so, da muss ich gar nicht lange überlegen. Ich mache meinem Mann auch gar keinen Vorwurf, er arbeitet Vollzeit und ist mehr oder weniger von Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr aus dem Haus. Und wo er kann, bringt er sich total gut ein. Dennoch: Arzt- und Kieferorthopädietermine, Ballett- und Klavierunterricht, Turnen, Freundinnenbesuche, Geschenkekäufe, Anfragen und Absagen – alles wird von mir koordiniert. Ich bin für die Termine und Belange meiner drei Töchter zuständig, für meine und manchmal sogar für die meines Mannes.

In den vergangenen Wochen war ich zweimal vormittags mit meiner größten Tochter in der Praxis unseres Kinderarztes, um sie gegen Corona impfen zu lassen, die Arbeitszeit musste ich natürlich später nacharbeiten. Vergangene Woche haben meine beiden jüngeren Töchter jeweils feste Zahnspangen bekommen, das ging nur vormittags, ich habe mir einen Gleittag genommen. Diese Woche hatten wir nachmittags einen Folgetermin, wir haben eine halbe Stunde in der Praxis gewartet, bis wir drankamen. Am Tag darauf wurde in der Schule gestreikt und ich holte meine Jüngste und deren beste Freundin direkt nach dem Unterricht ab. Meine Tochter begrüßte mich mit den Worten: „Der Draht ist schon wieder rausgerutscht, diesmal auf der anderen Seite.“ Gemeint hat sie damit den Draht ihrer Zahnspange. Passiert war es schon mal in der vorangegangenen Woche, am Freitag, ohne Möglichkeit, die Angelegenheit in der Praxis richten zu lassen. Mit bloßen Händen habe ich den Draht so weit gebogen, wie ich konnte, und ihn wieder festgesteckt, damit sich meine Kleinste übers Wochenende nicht an dem losen Drahtende verletzt. Aber das kann ich natürlich nicht immer so machen. Ich bin gar nicht vom Fach und die Behandlung möchte ich nicht durch eigenmächtiges Vorgehen gefährden. Sie kostet mehrere tausend Euro. Wenn ich Kieferorthopädin wäre, würde ich jetzt einen Volvo fahren. Aber ich wollte anderen Menschen nicht im Mund herumwurschteln, auch wenn es lukrativ ist.

Den Termin, den Draht wieder feststecken zu lassen, hat mein Mann übernommen, ich hatte die Sprechstundehilfe bequatscht, ihn auf 17 Uhr zu legen, und meinen Mann, früher nach Hause zu kommen. Am Telefon habe ich gesagt: „Ich kann das nicht mehr leisten.“ (Zu ihm, nicht zur Sprechstundehilfe.) Auf dem Rückweg vom Kieferorthopäden hat mein Mann in einem Schreibwarengeschäft noch einen Zirkel reklamiert, den ich dort vergangene Woche mit meiner mittleren Tochter gekauft hatte und der nicht ganz in Ordnung war.

Ich muss noch daran denken, dass sie ein Wichtel-Geschenk für eine Klassenkameradin und ein Geburtstagsgeschenk für eine Freundin braucht – vielleicht Acrylfarben? Meiner Großen muss ich ihren Füller auf den Schreibtisch legen und sie braucht dringend eine neue Strumpfhose fürs Ballett, ihre aktuelle hat schon Löcher an den großen Zehen. Wir brauchen kleine Bürstchen für die Zahnspangenpflege. Die Kaninchentoilette muss heute noch sauber gemacht werden. Im Hintergrund läuft eine Waschmaschine, ich befürchte, sie ist gleich fertig. Hoffentlich werde ich heute nicht wieder in Rot angeschrieben!

Ich habe noch kein einziges Weihnachtsgeschenk!!!

Die Waschmaschine ist fertig, ich habe die Tür zum Badezimmer offenstehen lassen, um die Wäsche nicht zu vergessen. Ich will erst noch diesen Beitrag zu Ende schreiben und dabei Ed Sheeran hören.

Ich habe noch kein einziges Weihnachtsgeschenk!!!

Um 17 Uhr habe ich einen Termin für die Arbeit. Um 17 Uhr beginnt auch das Turnen meiner Kleinsten, ich muss sie heute früher dorthin bringen, damit ich pünktlich wieder am Rechner bin. Um kurz nach drei holt mein Vater die Große und die Mittlere ab und fährt sie zum Reiten, wieder alle mit Masken im Auto, trotz Impfungen und Tests.

Ich musste diese Woche übrigens noch ein weiteres Mal im Hausaufgabenheft meiner Kleinsten unterschreiben, das war am Dienstag unter dem Eintrag „Läusekontrolle“. Ein Junge aus ihrer Klasse war betroffen, nennen wir ihn mal Matti. Junge, habe ich noch gedacht, mit Jungs spielt sie ja nicht viel, das kann ja kein Problem sein. „Also, Matti sitzt neben mir“, sagte meine Jüngste nur dazu. Also gut, dann eben besonders strenge Läusekontrolle, habe ich ja alles schon hundertmal gemacht. Keine Läuse gefunden.

Ich habe noch kein einziges Weihnachtsgeschenk!!!

Und ein neuer Zahnarzttermin für meine Große war erst Anfang Januar frei. Er steht jetzt im Kalender und mit Textmarker umrandet auf einem Extra-Zettel, der innen an der Eingangstür hängt. Vielleicht brauche auch ich einen Rotstift. Darüber kann ich ja mal nachdenken, während ich die Wäsche aufhänge.

6 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Zahnarzttermin vergessen“

  1. Meine Bewunderung gilt jeder Mama. Erst als Erwachsene mit einem Ganztagsjob, ohne Kinder, ist mir klar geworden, was meine alleinerziehende Mutter mit Ganztagsjob, einem langen Fahrtweg zur Arbeit und ganz anderen Ladenöffnungszeiten als heute geleistet hat. Ich habe schon genug zu tun mit meinem kleinen übersichtlichen Leben. 🙂 Also: Hut ab, liebe Sophie, meine Bewunderung ist dir gewiss!

    1. Vielen lieben Dank für deine Worte der Anerkennung, liebe Helena Goldengel. Ich möchte auch jemandem meine Bewunderung aussprechen, und zwar allen Alleinerziehenden, die den alltäglich Wahnsinn ganz ohne Unterstützung bewältigen (so wie deine Mutter).

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