Adventskalender: Weihnachten im Gebärsaal, Vol. 1

von Edda

In Australien ist Frühling, eigentlich Sommer. Im Gebärsaal der Uniklinik, in der ich den praktischen Teil meiner Hebammenausbildung mache, herrschen das ganze Jahr 21 Grad bei 50 % Luftfeuchtigkeit. 24 Zimmer streng klimakontrolliert – mein eigener kleiner Adventskalender. Sternförmig gehen die Korridore von unserer Hebammen-Schaltzentrale ab. Da, wo das Telefon nie stillsteht und uns ein riesiges White Board darüber informiert, in welchem Zimmer die Luft am meisten brennt. Und das trotz Klimakontrolle. Mit Dezember-Anbruch tragen meine Kollegen Weihnachtsuniform. Unsere Schlupfhosen mit Kordelzug und Shirts aus fester Baumwolle werden ersetzt durch Koalas mit Weihnachtsmütze und tanzende Christbaumkugeln. Es ist Schichtwechsel und das Board ist voll. Die Hälfte der Zimmer ist lila markiert. Amber Rooms, nennen wir das. Die Frauen in diesen Zimmern sind entweder schon mit Covid hier angekommen oder wurden positiv schnellgetestet. Seit einem halben Jahr tragen wir alle FFP2-Masken, 8-10 Stunden am Tag. Und weil wir sie im sogenannten öffentlichen Raum zu Infektionskontrolle nicht abnehmen können, dürfen unsere Wasserflaschen nur noch im Gemeinschaftsraum stehen.

Über den bunten Uniformen leuchten die Gesichter meiner Kollegen weiss, schwarze Ringe strahlen unter Augen wie Weihnachtssterne. 20 % von uns haben sich im letzten Jahr mit Corona infiziert, eine Kollegin ist gestorben. Anstatt mit 15 Leuten haben wir Schichten zu zehnt gearbeitet. Wir haben Frauen verlegt, denen das Kind halb aus der Gebärmutter hing. Haben Kinder im Gang zur Welt gebracht. FFP2-Masken lassen keine Luftzirkulation zu, weswegen wir in der Mundregion verdächtig nach Pubertätsakne aussehen. Am Anfang der Pandemie sind Studenten nie in Amber Rooms eingeteilt worden – zu gefährlich. Heute gehöre ich zu den Erfahreneren. Meine Ausbilderin legt mir den Arm um die Schulter: Smells like Amber, Rookie. Kurz drückt sie meine Schulter. Und zieht dann los, um die Welt zu retten. Oder ein Leben, was macht das schon für einen Unterschied. Drei von uns sind nicht zur Arbeit gekommen. Als enge Kontakte eingestuft, müssen sie zwei Wochen in Quarantäne. Edda, höre ich meinen Name, Room 9. Get Liz if you need help.

Zimmer 9 ist ein Amber Room. Ich ziehe mich in OP-Klamotten um, damit meine normale Arbeitskleidung nicht desinfiziert werden muss. Vor Zimmer 9 steht mein Trolley mit meinen Materialien. Nichts von draußen darf in das Zimmer, nichts darf raus. Ich ziehe meine Uhr aus, meinen Ehering. Dafür ziehe ich einen gelben Plastikanzug über meine Kleidung. Sofort bricht mir der Schweiß aus. Dann eine Haube, gefolgt von einer Schutzbrille. Mein Körper schreit nach Luft und ich merke, wie ich gegen Panik ankämpfe. Ich will atmen, Wasser trinken, ich will da nicht rein. Die Frau in Zimmer 9 ist Corona positiv und bekommt dauerhaft Sauerstoff. Ich sehe nur noch positiv, denn HIV hat sie auch. Und spricht kein Englisch. Bei occupation hat sie „love worker“ angegeben. Cool, denke ich, da treffen die beiden ältesten Gewerbe der Welt aufeinander. In der Apokalypse werden Prostituierte und Hebammen gemeinsam mit Ratten und Kakerlaken dem allerletzten Sonnenuntergang entgegenreiten. Einmal durchatmen. Einmal die Augen schließen. Einmal drin, kann ich das Zimmer nur unter Höchstanstrengungen wieder verlassen. Dann stoße ich die Tür auf. Hi there. I am Edda. I am two thirds a midwife. And as for today, it’s going to be me and you against the rest of the world. In Deutschland wollen sich ein signifikanter Anteil der impffähigen Bevölkerung nicht impfen lassen. Und finden, dass sei ihr gutes Recht. Ihr blöden Arschgesichter, denke ich. Da fällt die Tür aber hinter mir schon ins Schloß. 

2 Kommentare zu „Adventskalender: Weihnachten im Gebärsaal, Vol. 1“

  1. Das mit dem Adventskalender ist eine sehr gute Idee. Der Beitrag von Edda „geht unter die Haut“!!! Sehr gut geschrieben, das Thema auf den Punkt gebracht, mit viel Emphatie. Ich bin beeindruckt. Ich habe mir Edda im Koala Outfit vorgestellt und mußte, trotz des ernsten Geschehens, schmunzeln. Ich wünsche weiterhin viel Kraft und eine schöne Zeit für die „Adams Family“. Liebe Grüße vom „Follower“

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