Adventskalender: Weihnachten im Schuhkarton

von Sophie

Der See ist zugefroren und Ileana kann nur noch an das Eine denken: Dass sie auf der dunkelblau schimmernden Fläche wie eine Eiskönigin herumwirbelt und Pirouetten dreht. Sie würde ihre Wollmütze herunterreißen und ihre langen dunklen Haare im Fahrtwind wehen lassen. Die Mütze, die ihr die Heimleiterin liebevoll, aber gegen ihren Willen über die Ohren zieht, kratzt ohnehin.

Zaghaft hat Ileana gestern ihre Füße über das Eis geschoben, sich in eine märchenhafte Welt geträumt, die sie aus geliehenen Büchern kennt. Kurz darauf waren zwei Mädchen aus dem Dorf gekommen, solche mit Eltern. Denn das ist es, was die Kinder hier noch mehr trennt als Armut und Reichtum: die einen haben Eltern, die anderen nicht. Ileana hat schnell ihre Mütze vom Kopf gezogen, denn sie ist nicht nur kratzig, sondern auch hässlich: aus grober, grauer Wolle gestrickt. Nichts für ein achtjähriges Mädchen, das lieber Prinzessin als Waisenkind wäre. Trotzdem haben die anderen Mädchen gelacht und mit dem Finger auf sie gezeigt, auf die Mütze in ihren Händen und ihre schäbigen Stiefel, mit denen sie übers Eis geglitten war. Dann haben sie sich ihre Schlittschuhe angezogen, aus feinem weißem Leder und mit glitzernden Kufen, und sind über den See geschwebt. Ihre Haare flatterten im Wind.

Hannah kniet in ihrem Kinderzimmer vor einem Schuhkarton, nimmt behutsam den Deckel ab, breitet eine Serviette aus und legt sie feierlich hinein. Sie möchte nicht, dass das fremde Mädchen, das in Kürze ihr Paket entgegennehmen wird, den hässlichen Kartonboden sieht. Alles soll stimmen.

Ileana weiß, dass bald die Pakete kommen. Weihnachten im Schuhkarton. Und sie wünscht sich nur eines: ein Paar Schlittschuhe. Aus feinem weißem Leder und mit glitzernden Kufen. Sie hat der Heimleiterin von ihrem Wunsch erzählt, die hat nur bedächtig ihren Kopf hin- und hergewiegt. Frau Costescu hat sich nicht getraut, der Kleinen die Illusion zu nehmen. Aber Radu hat gerufen: „Du spinnst doch! So große Geschenke bekommen wir nicht! Haben wir noch nie bekommen und werden wir auch nie!“ Mit großen fragenden Augen hat Ileana Frau Costescu angeschaut, die zur Antwort nur mit den Schultern gezuckt hat.

Gestern war Hannah mit ihrer Mutter einkaufen, in einem Spielzeuggeschäft, in dem alles verheißungsvoll glitzerte und leuchtete, wie es nur in der Vorweihnachtszeit möglich ist. Buntstifte haben sie gekauft, in den schönsten Farben, und ein Malbuch mit Füchsen und Eichhörnchen und einem Dachs. Ach, es waren alle Waldtiere in diesem Malbuch versammelt, und Hannah hätte es am liebsten für sich behalten. Aber es sollte in den Karton, der im Kinderzimmer auf sie wartete und mit einer bunt bedruckten Serviette ausgeschlagen war. Ebenso wie die Buntstifte, ein Block, ein Quartett-Spiel mit Märchenfiguren, ein T-Shirt und ein Schokoladenweihnachtsmann.

Ileana hat fast den ganzen Tag am zugefrorenen See verbracht, sie hat ihn umrundet und nicht aus den Augen gelassen, als müsse sie ihn beschatten. Doch sie hat sich nicht noch einmal auf die Eisfläche getraut. Die Mädchen mit den Schlittschuhen waren da. Und sie sind erst gegangen, als ihre Mütter sie abgeholt haben. Ihre Mütter, hat Ileana gedacht und geseufzt.

Hannah will gerade den Karton verschließen, als ihre Mutter zur Tür hereinkommt und sagt: „Ich habe noch das hier.“ Sie reicht es Hannah, die es mit leuchtenden Augen entgegennimmt. „Wunderschön“, sagt sie und legt das letzte Geschenk ganz oben in das Päckchen. Wie gern wäre sie dabei, wenn das Mädchen, für das die Überraschung gedacht ist, alles auspackt.

Der Lastwagen steht vor der Tür und die Kinder stürmen nach draußen. „Nicht so schnell!“, ruft Frau Costescu und lacht so ausgelassen wie sonst nie. Jedes Kind bekommt ein Päckchen, einen Schuhkarton, wenn man es genau nimmt. Aber so genau nimmt es heute niemand, ein Pferd könnte ein Rentier sein, das zerbeulte Auto, das schon seit zwei Jahren vor dem Haus steht, ein Schlitten und der dicke Bauer Olaru der Weihnachtsmann. Die Kinder beeilen sich, die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum im großen Speisesaal zu stapeln.

Hannah liegt in ihrem Bett und denkt an das Mädchen, das bald ihr Päckchen auspacken wird. Hoffentlich freut es sich. Hätte sie noch mehr aussuchen sollen? Andere Dinge?

An Heiligabend sitzen die Kinder zusammen im Speisesaal, jedes hat sein Päckchen vor sich liegen. Ileana hofft auf das eine, aber sie hat Radus Worte noch im Ohr: „So große Geschenke bekommen wir nicht.“ Ihr Päckchen war zu leicht für Schlittschuhe, das hat sie gleich gemerkt. Jetzt darf sie es öffnen. Nein, Schlittschuhe sind nicht dabei.

Ileana liegt schon im Bett, als Frau Costescu abends ihr Zimmer betritt. Sie teilt es sich mit drei anderen Mädchen. Die anderen putzen sich im Badezimmer die Zähne, Ileana hört sie hinter der geschlossenen Tür herumalbern. „Und?“, fragt die Heimleiterin. „Waren schöne Sachen dabei? Dein Päckchen, hat dir alles gefallen?“ Sie setzt sich auf die Bettkante und lächelt, weil Ileana selbst jetzt noch ihre neue Mütze trägt: aus weichem dunkelblauem Baumwollstoff, bedruckt mit goldenen Sternen. „Ja“, sagt Ileana glücklich. „Es ist genau das darin gewesen, was ich mir am meisten gewünscht habe.“

3 Kommentare zu „Adventskalender: Weihnachten im Schuhkarton“

  1. Die Geschichte passt gut in den Adventskalender. Sie rührt an ohne rührselig zu sein. Danke für so ein Kleinod. Es grüßt ein „Follower“

    1. Lieber Follower, vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Meine Töchter und ich machen übrigens fast jedes Jahr bei der Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ mit. Liebe Grüße, Sophie

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