Adventskalender: Black Bird

von Edda

Jeden Dienstag lerne ich bei Master Yoda. Die wiederum ist seit 40 Jahren Hebamme und bietet genauso lange Hausgeburten an. Heute ist ein besonderer Tag, denn heute ist Lowanna-Day. Lowanna ist Master Yodas beste Hebammen-Freundin und gemeinsam machen sie in regelmäßigen Abständen Schwangeren-Sprechstunden in den Frauengefängnissen von Sydney. Lowanna ist eine stolze Dharawal-Frau. Sie gehört zu den First Nation people. Genauso wie der überwiegende Anteil der weiblichen Insassen in Sydney’s Gefängnissen. Wer Ureinwohner ist, stirbt hier im Durchschnitt zwanzig Jahre jünger, hat eine wesentlich höhere Aussicht auf ein Leben in Krankheit, Drogensucht und Armut. Und hat auch ansonsten in den allermeisten Hinsichten verloren. Aye, Tidda – rufen die Frauen auf unserer Gefängnis-Tour Lowanna oft hinterher. Tidda bedeutet Auntie, Schwester oder auch Mentor. Heute treffen wir auf Kylie, die bald ihr erstes Kind bekommen wird. Kylie hat Angst, bei der Geburt zu sterben – denn sie hat gehört, dass das passieren kann. You do it, Edda – sagt Lowanna und meint damit, dass ich die Schwangerschaftskontrolle machen soll. Ich erkläre Kylie die Risiken, zitiere Statistiken, spreche über vorbeugende Maßnahmen. Nebenbei messe ich Blutdruck, ertaste den schwangeren Bauch, höre Herztöne ab. Ich versuche warm zu klingen, kompetent – oder zumindest so, als hätte ich irgendeinen Plan. Aber Kylie schaut durch mich hindurch. Ich wünsche mir Lowanna an meine Seite .. oder Master Yoda .. oder wenigstens den Weihnachtsmann. Was mache ich in meiner ganzen weißen Privilegiertheit überhaupt hier und versuche, mit papiernen Statistiken Ängste wegzureden. Aye, sagt Lowanna, tritt neben mich und legt mir den Arm um die Schulter. Don’t fear the reaper, denke ich an das Lied von Blue Oyster Cult. Aber Lowanna erzählt von Kreisläufen und davon, dass sie den Tod in der Geburtshilfe oft mit im Raum spürt. Aber nicht als gruseligen Sensenmann, sondern als stillen Beobachter. Like a bird. Auf der Heimfahrt öffnen wir die Autofenster und lassen das Gefängnis aus dem Auto wirbeln. Kylie, die vielen schlimmen Geschichten und der Geruch nach Desinfektionsmitteln werden aus unseren Köpfen geblasen. Ich höre den Vögeln zu und denke an Schatten. Merry Christmas, Lowanna, wünsche ich ihr bei unserem Abschied. Watch the corner in the far end of the room next time at work, sagt sie. Wait for the breeze. 

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